Die Kapazität des westdeutschen Straßennetzes ist den Anforderungen des modernen Verkehrs nicht mehr gewachsen. Diese Binsenwahrheit ändert aber nichts der Tatsache, daß der Straßenverkehr von dem vorhandenen, gewiß nicht ausreichenden Raum keinen optimalen Gebrauch macht. Dem Autobahnbenutzer bietet sich in diesen Wochen immer wieder das gleiche Bild. Die rechte Fahrspur teilen sich einige wenige Lastkraftwagen und Personenwagen. Auf der Überholspur beträgt der Fahrzeugabstand dagegen oft nur wenige Zentimeter, und jeder linksfahrende Zeitgenosse verteidigt seinen Platz in der kilometerlangen Schlange mit einer Vehemenz, als stünde sein Seelenheil auf dem Spiel. Die Folge dieser Unvernunft ist eine sinnlose Raumverschwendung, die sich die deutschen Autofahrer nicht leisten können, wenn sie auch weiterhin das Recht für sich in Anspruch nehmen wollen, im Hinblick auf die Unzulänglichkeit des Straßennetzes Vorwürfe an die Adresse der Bundesregierung zu richten. Zunächst gilt es doch wohl, aus dem Vorhandenen das Beste zu machen.

Wenn schon der Appell an die Vernunft der Autobahnbenutzer ohne Erfolg bleibt, muß der Gesetzgeber nachbellen. Er muß das legalisieren, was heute schon von vielen außerhalb des Gesetzes praktiziert wird, nämlich das Überholen auf der rechten Fahrspur. Dieser Verstoß gegen geltende Vorschriften wird ja bereits sowohl von Polizei als Rechtsprechung toleriert, sowohl auf Stadlschnellstraßen als auch beim Kolonnefahren bei Stauungen oder auf stark befahrenen Autobahnen. Neu geregelt müßte auf jeden Fall die Überholvorschrift auf dreispurigen Autobahnen in jeder Richtung werden, wobei der amerikanische Grundsatz Keep your lang – die Fahrspur möglichst nicht, jedenfalls nur aus zwingenden Gründen wechseln – ein Mal werden sollte.

Nun sollte es keineswegs Ziel dieser Gesetzesänderung sein, daß einigen forschen Fahrern, die es besonders eilig haben, Privilegien eingeräumt werden. Das strikte Verbot, auf der Autobahn rechts zu überholen und sich bei passender Gelegenheit wieder links in die Kolonne einzuordnen, veranlaßt aber das Gros der Autofahrer, nur die Überholspur für sich in Anspruch zu nehmen. Mancher, der es gar nicht so eilig hat, würde sich gern rechts einordnen, wenn ihm die Schlange eine Chance geben würde, sich dann wieder links einzureihen.

In anderen Ländern bemüht man für eine solche vernünftige Regelung erst gar nicht den Gesetzgeber. Schließlich genügt ja auch schon ein freundliches Handzeichen. Wenn man allerdings Zeuge der Unvernunft und des Leichtsinns wird, die mit Hilfe von Lichthupe und Dreiklanghorn gerade auf den deutschen Autobahnen praktiziert werden, möchte man sich lieber auf den Gesetzgeber berufen können. rpk