Er hätte „Gedächtniskünstler“ im Kabarett werden können, sagen viele seiner Freunde – so ausgezeichnet ist sein Erinnerungsvermögen. Was das Kabarett verlor, hat General Motors gewonnen. Frederic G. Donner, seit acht Jahren Aufsichtsrats-Vorsitzender des größten Unternehms der Welt, der General Motors Corporation, ist heute einer der mächtigsten Wirtschaftsführer der Vereinigten Staaten.

Seine Macht beruht unter anderem auf der Tatsache, daß er in den USA, in Kanada und 22 anderen Ländern der Welt nicht weniger als 735 000 Menschen beschäftigt und ihnen im Jahr die stattliche Summe von 5 Milliarden und 448 Millionen Dollar auszahlt. Und auch heute noch – 40 Jahre nachdem er als kleiner Buchhalter bei General Motors eintrat – überrascht er seine Mitarbeiter mit seinem fabelhaften Gedächtnis, das kleinste Einzelheiten, die er einmal gesehen hat, nicht vergißt.

Frederic Donner war der Mann, unter dessen Leitung GM die dramatischen Erfolge der lernten Jahre erzielte. Seit 1959 haben sich die GM-Verkäufe von 11 auf 21 Milliarden Dollar erhöht und damit beinahe verdoppelt. Das Netto-Einkommen stieg von nur 875 Millionen auf 2,1 Milliarden Dollar, und die den Aktionären gezahlte Dividende von 5,25 Dollar je Aktie auf über das Zweieinhalbfache im Vorjahr. Das sind selbst in einer sich stürmisch entwickelnden Wirtschaft wie der der USA beachtliche Erfolge. Aber auch Donner, einer der freimütigsten Fürsprecher des freien Welthandels, weiß, daß – zumindest für den Teil der GM-Betriebe in den USA und zum kleineren Teil auch in Kanada – schwere Tage bevorstehen.

Nur selten, möglicherweise noch nie, ist eine solche Fülle von Problemen zur gleichen Zeit auf die amerikanische Automobilindustrie herabgestürzt, wie das jetzt der Fall war. Wird die Flaute in der Industrie nachlassen? Niemand weiß, was die Zukunft bringen wird, aber die Anzeichen sind nicht die besten. Auch Aufsichtsrats-Vorsitzender Donner weiß es. Auch er hat die Analyse des amerikanischen Handelsministeriums gelesen, derzufolge das amerikanische Publikum vorhat, 1967 weniger neue Autos zu kaufen und die alten Wagen bis 1968 zu halten. Denn dann kommen Autos auf den Markt, die den neuen Sicherheitsbestimmungen genügen – Bestimmungen, die von der Regierung erlassen werden, nicht zuletzt unter dem Druck des Erfolges von Ralph Naders Buch „Unsicher bei jeder Geschwindigkeit“.

Das Buch hatte auch noch andere unangenehme Folgen für General Motors. Zahlreiche Fahrer haben nach Unfällen, deren Ursache sie angeregt von Ralph Nader in Konstruktionsfehlern der Convair-Modelle von General Motors sahen, vor Gericht Schadenersatzprozesse angestrengt. Ein Gericht in Los Angeles hat in der vergangenen Woche erstmals in einem solchen Prozeß die General Motors Corporation und einen ihrer Chevrolet-Händler in Kalifornien zur Zahlung von 66 000 Dollar Schadenersatz verurteilt. Der Besitzer des Wagens hatte General Motors wegen technischer Mängel an dem Chevrolet-Convair-Wagen verklagt, nachdem er 1960 mit einem solchen Wagen verunglückt war. Bei ähnlichen Prozessen in der Vergangenheit waren die Klagen wegen angeblicher Mängel entweder abgewiesen oder auf dem Wege des Vergleiches mit geringen Schadenersatzzahlungen beendet worden. General Motors will gegen das Urteil Revision beantragen. Das Unternehmen fürchtet sicherlich zu Recht, daß dieser Prozeß noch einen Rattenschwanz ähnlicher Forderungen nach sich ziehen wird.

Hinzu kommt, daß schon die Autos der Serie 1967 teurer werden müssen. Der Hauptgrund: Die kürzliche Erhöhung der Stahlpreise, die erheblich gestiegenen Kosten für im Bau befindliche neue Fabriken und Montage-Anlagen und die im jetzigen Tarifvertrag enthaltenen automatischen Lohnerhöhungen für die Automobilarbeiter, die im Herbst eintreten. Zu all dem kommt noch die jetzt geltend gemachte Forderung der hochqualifizierten Arbeiter der Automobilindustrie, den noch ein ganzes Jahr gültigen Tarifvertrag zu brechen und höhere Löhne für diese Arbeitergattung zu erreichen. Der Grund: Andere Arbeiter, besonders in der Bauindustrie, hätten höhere Löhne erreicht. Der unausgesprochene Grund: Eine andere Gewerkschaft hat mit energischer Propaganda begonnen, die hochqualifizierten Arbeiter zu sich herüberzuziehen.

Das kann auch dem Aufsichtsrats-Vorsitzenden der größten Firma der Welt Kopfschmerzen bereiten. Besonders, wenn er daran denkt, was ihm im nächsten Jahr von der Regierung aufgezwungen werden wird. Da ist zunächst einmal das Gesetz über die Sicherheit der Automobile, das der Kongreß nach längeren Beratungen vor wenigen Tagen verabschiedet hat. Es ist ein Gesetz, wie die Industrie es sich nicht gewünscht hat, denn es wird in Zukunft ganz von den Entscheidungen des Commerce Departments abhängen, welche Sicherheitsvorrichtungen in 1968er Autos eingebaut werden müssen. Auch das angestrebte direkte oder indirekte Vetorecht des im Gesetz verankerten neuen Beirates hat die Industrie nicht zu erreichen vermocht,