M. F., Saigon, im September

Die Regierung hat in Saigon Bürgersteige und Wände über und über mit roter Farbe beschmieren lassen – Rot soll Glück bringen. In den letzten Tagen bot Marschall Ky seinen ganzen Propagandaapparat auf, um die Vietnamesen zur Stimmabgabe zu bewegen, denn am Sonntag soll Südvietnam eine Verfassunggebende Versammlung wählen.

Wer eine der populären James-Bond-Imitationen sehen will – „008“ oder „Eisenfinger“ – muß zuvor einen Dokumentarstreifen zum Wahlverfahren über sich ergehen lassen. Eine Szene, die einen lendenschurzbekleideten Bergstamm-Häuptling bei der Erklärung des Stimmzettels zeigt, wurde von dem großstädtischen Publikum Saigons sehr belacht. Besondere Wahlkommandos der Regierung bemühten sich unterdessen auf dem flachen Land, den Bauern Appetit aufs Wählen zu machen – und ihnen für diesen Fall Schutz vor dem Zorn der Vietcong zu bieten.

Ursprünglich hatten viele angenommen, die Wahl der Nationalversammlung solle ein erster Schritt zur Ablösung der Regierung Ky durch ein mehr auf den Volkswillen gegründetes Regime sein. Inzwischen sind derlei Erwartungen verflogen. In Saigon pfiffen heute die Spatzen von den Dächern, worauf die Generäle wirklich aus sind: Sie hoffen, daß die Versammlung (deren einzige Aufgabe es ist, binnen sechs Monaten eine Verfassung zu verabschieden) ein starkes Präsidialregime einsetzen wird – und daß sie selber an der Macht bleiben werden, auch wenn sie schlimmstenfalls ihre Uniformen ausziehen müssen. Und alles deutet darauf hin, daß sich diese Hoffnungen erfüllen werden.

Nach der Geschäftsordnung der Verfassunggebenden Versammlung braucht die Regierung nur die Unterstützung von einem Drittel der Delegierten, um den Entwurf der Versammlung abzuändern. Zwar hat die Militärjunta offiziell keine Kandidaten aufgestellt, doch haben sich so viele Soldaten und Offiziere beworben, daß das notwendige juntatreue Drittel gewiß zusammenkommt. Kommunisten und „Neutralisten“ sind sowieso von der Kandidatur ausgeschlossen worden.

Indirekt kommt der Regierung Ky auch zugute, daß das Wahlverfahren außerordentlich kompliziert ist und die meisten Kandidaten unbekannt sind. Seit dem Sturz des Präsidenten Diem im Jahre 1963 wird jetzt zum erstenmal wieder gewählt. Um die 117 Mandate bewerben sich 500 Kandidaten – keiner jedoch als Vertreter einer politischen Partei.

Gewiß gibt es einige optimistische Kandidaten wie den früheren Präsidenten Phan Khac Sun, einen fröhlichen Greis, der noch immer den herkömmlichen schwarzen Kaftan über weißen Beinkleidern trägt. Er glaubt, die Versammlung werde sich für ein parlamentarisches System entscheiden. Er hofft, daß er mit einem Block von dreißig gleichgesinnten Politikern in die Konstituante einziehen kann, darunter dem unerschrockenen Dr. Phan Quang Dan, einem Demokraten, der sich schon in manchem Wahlkampf tapfer geschlagen hat.