Bisher glaubte ich unserem Fernsehen jede Bild- oder Tonstörung aufs Wort. Wir sind ja nicht im Osten, dachte ich, wo man mit gewissen Tricks den Zuschauern Sand in die Augen streut.

Seit einer gewissen Sendung von den Leichtathletik-Europameisterschaften in Budapest weiß ich es besser. Wenn man mir mal wieder einen Bild- und Tonausfall vorgaukeln will, ahne ich: Dahinter steckt ein Sportereignis, bei dem es das Unglück wollte, daß ein DDR-Sportler, mit viel Glück, den Stabhochsprung gewann, worauf die Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ erklingen müßte – würde Programmdirektor Hartmann nicht blitzschnell schalten – und zwar ab, um uns vor dem Schlimmsten zu bewahren. Worauf wir dann erfahren, die DDR-Hymne sei einer Tonstörung zum Opfer gefallen, weil sie ‚nicht existent‘ sei, was einige heikle philosophische und physikalische Fragen aufwirft.

Nachdem die DDR durch das Abschalten unserer Hymne bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Führung gegangen war, steht es jetzt also 1:1 im Abschalte-Krieg.

Beim Abschalten geht es für die eine Partei darum, möglichst viele Töne der eigenen Hymne in den gegnerischen Äther auszustrahlen, und für die andere darum, das zu verhindern. Dabei ist der Überraschungseffekt sehr wichtig. Während das Hartmann-Team etwa auf DDR-Schwimmsiege gut vorbereitet ist, könnte es durch einen DDR-Tischtennis-Sieg leicht überrumpelt werden. Um für künftige DDR-Siege gerüstet zu sein, beschäftigt sich das Hartmann-Team intensiv mit den Trainingsleistungen von DDR-Sportlern und besitzt nützliche Unterlagen über mögliche Medaillengewinner.

Mit dem Abschalten dürfte es auf die Dauer jedoch nicht getan sein. Es wird unvernünftige Zuschauer geben, die meinen, sie zahlen ihre Gebühren nicht für Bildausfälle und Tonstörungen. Denen wird man durch volkstümliche Weisen, bzw. Trachtenbilder aus Thüringen, die das gesamtdeutsche Ministerium beisteuern könnte, einen gewissen Ersatz bieten. Dadurch könnte man auch verhindern, daß irgendwo eine Spalterflagge ins Bild kommt, die man leichtfertig übersehen hatte.

Was könnte man noch tun? Man könnte, wenn sich etwa ein DDR-Sieg im Federgewicht anbahnt, auf ein Degen-Gefecht umschalten, wo uns gerade kein DDR-Sieg droht. Am leichtesten wäre das Problem zu lösen, wenn sich die DDR-Sportler im Interesse der deutschen Sache in Siegnähe mit dem zweiten Platz begnügen würden, was aber wohl zuviel verlangt wäre.

Wichtig ist es, unsere Sportler immer wieder auf ihre gesamtdeutsche Verantwortung hinzuweisen und ihnen klar zu, machen, daß jeder deutsche Sieg eines DDR-Sportlers auch eine deutsche Niederlage ist. Schon darum muß unser Sport von offizieller Seite tatkräftig gefördert werden, besonders in finanzieller Hinsicht. Notfalls kann man dazu die Angehörigen der freien Berufe heranziehen, weil die ja keine Lobby haben, um sich dagegen zu wehren.