nl, Stuttgart

Ein paar Löcher in der Wand eines Stuttgarter Kellerrestaurants markieren den Platz, an dem der Jugoslawe Sava Milovanovic in der vergangenen Woche nach neun Schüssen aus der Pistole seines Landmannes Franjo Goreta zusammengebrochen ist. Am Wirtshaustisch hatte der 26 Jahre alte Metzger den 41jährigen Konsulatsangestellten niedergeschossen, sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt und inmitten der aufgescheuchten Gästeschar auf die Polizei gewartet. Eine schwarze Fahne am Fenster der Stuttgarter Außenstelle des jugoslawischen Generalkonsulats in München zeigt jedem Urlauber an, warum er sein Visum für Dalmatien nicht mehr in Baden-Württemberg, sondern in Bayern beantragen muß.

Mit über 30 000 Jugoslawen ist die Gastarbeiterhochburg Baden-Württemberg zum Texas der Kroaten und Serben geworden. Vor ein paar Jahren waren sich die feindlichen Brüder in der Stuttgarter Liederhalle bei einer Kundgebung zum erstenmal in die Haare geraten. Am 8. Juni 1965 knallte es in Meersburg, dem weinseligen Städtchen am Bodensee. Damals wurde Milovanovics Vorgänger in der Stuttgarter Außenstelle, Konsul Andrija Klaric, ebenfalls durch einen Kroaten niedergestreckt. Wie Goreta, war auch der Attentäter von Meersburg aus Karlsruhe gekommen. Und in Karlsruhe war es auch, wo sich am 18. August dieses Jahres Kroaten und Serben eine Schießerei lieferten. Es muß sich also um organisierte Zwischenfälle handeln.

Zu dem neuen Gewaltakt wußten dennoch weder Stuttgarts Innenminister noch Stuttgarts Kriminaldirektor Genaues zu sagen. Minister Filbinger hielt es immerhin für möglich, daß der Stuttgarter Mord einen politischen Hintergrund haben könnte. Deshalb hat sich wohl auch das Auswärtige Amt in die Angelegenheit eingeschaltet. Niemand wagt freilich die Gerüchte zu bestätigen, daß in Meersburg und auch in Stuttgart die Angestellten des jugoslawischen Konsulats versucht hätten, Kroaten zu Spitzeldiensten gegen ihre Landsleute zu gewinnen. Klaric wollte in Meersburg von der in einem Gasthaus beschäftigten Dara Rogic Einzelheiten über ihre kroatischen Freunde erfahren. Milovanovic soll Goreta eine Liste mit Namen und eine Pistole gegeben haben, damit dieser die unliebsamen Exilkroaten beseitige. Dies erklärte nach dem Attentat der in Berlin lebende Vorsitzende des Kroatischen Nationalkomitees, Brandimir Jelic, der Milovanovic als Oberstleutnant im jugoslawischen Geheimdienst UDBA bezeichnete. Angeblich sei von ihm Goreta angeworben worden und angeblich soll dieser dann seinen Auftraggeber mit der Waffe erschossen haben, die er gegen seine kroatischen Landsleute richten sollte.

Konsul Bedczic vom jugoslawischen Generalkonsulat in München wies diese Behauptung als lächerlich zurück. Er glaubt auch nicht an eine politische Affäre. Anders der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Dr. Hillmann; er meint, daß politische Motive nicht ausgeschlossen werden können. Der Täter, der in Untersuchungshaft sitzt, hat inzwischen verschiedene Mordgründe angegeben. Vor ein paar Jahren war er mit einem regulären Paß als Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen, hatte dann aber, wie er angab, um Asyl gebeten. Dies sei abgelehnt worden. Goreta stellte daraufhin einen neuen Antrag, der noch bearbeitet wird.

Goretas Fall demonstriert die Schwierigkeiten, vor denen die deutschen Behörden auch in dieser Affäre stehen. In der Bundesrepublik leben Jugoslawen, die mit ihrer kommunistischen Regierung gebrochen haben. Andererseits dürfen sich jugoslawische Gastarbeiter zu internen kommunistischen Versammlungen treffen. Solange Ausländer keinen öffentlichen Anstoß erregen und nicht gegen die deutschen Gesetze verstoßen, kann gegen sie nichts unternommen werden. Nun hat aber Innenminister Filbinger härtere Maßnahmen gegen solche Ausländer angekündigt, die das Gastrecht mißbrauchen. Auch Ministerpräsident Kiesinger bemüht sich um die Aufklärung der jüngsten Schießerei; er will darüber dem Stuttgarter Landtag Bericht erstatten. Erst einmal muß freilich die Polizei herausfinden, ob der Mord in dem Stuttgarter Kellerlokal ein politischer Mord war.