Der Markt der sogenannten steuerfreien festverzinslichen Papiere hat sich in den letzten Tagen etwas gefestigt. Ursache scheint im wesentlichen die Furcht vor Steuererhöhungen zu sein, die natürlich das Privileg der Steuerfreiheit noch wertvoller machen würde als bisher. Die mehrfach abgegebene Versicherung der Bundesregierung, es sei nicht an eine Anhebung der Steuern zum Etatausgleich gedacht, wird in Anlegerkreisen nicht mehr sehr hoch bewertet. Man spekuliert jetzt darauf, daß die Regierung ihr Wort brechen wird. Wer wird recht behalten?

Wie weit würden Steuererhöhungen den Kapitalmarkt belasten? Diese Frage läßt sich natürlich erst dann exakt beantworten, wenn Umfang und Art der Steueränderungen bekannt sind. Eine Anhebung der Sätze bei der Kaffee-, Tee-, Benzin- und Tabaksteuer (also von Verbrauchssteuern) würde für die Börse ohne nennenswerte Bedeutung sein. Bedenklich wird die Lage erst dann, wenn es um höhere Tarife bei der Einkommen- und Lohnsteuern geht. Davor scheint man vorerst noch zurückzuscheuen, wenngleich der Abbau gewisser Freibeträge in der Praxis nichts anderes als eine direkte Steuererhöhung darstellt.

Zu einschneidenden Folgen würde es führen, wenn das Parlament an der Schraube der Körperschaftsteuer drehen sollte. Das müßte sich unmittelbar auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und sicherlich auch auf die Höhe der Dividenden auswirken. Da jedoch das Bestreben dahingeht, den Kapitalmarkt auf einer niedrigeren Zinsbasis wieder funktionsfähig. zu machen, hütet man sich davor, ihm jetzt einen neuen Schlag zu versetzen. Einige Parlamentarier plädieren allerdings dafür, den gespaltenen Körperschaftsteuersatz (der die Ausschüttungen von Gewinnen begünstigt) abzuschaffen. In der Praxis dürfte das beispielsweise bedeuten, daß die Veba ihre Dividende energisch zusammenstreichen muß. Eine Veba-Dividendensenkung, meine verehrten Leser, würde dem ohnehin schon schwer strapazierten Volksaktiengedanken einen schweren Schlag versetzen.

Diejenigen, die heute steuerfreie Rentenpapiere kaufen, halten eine Anhebung der Einkommen- und Lohnsteuertarife für möglich, weil sich auf diese Weise der Streit um den Bundesanteil an diesen Steuereinnahmen am einfachsten lösen ließe.

Bei den steuerfreien Werten unterliegen die Zinserträge nicht der Einkommensteuer, Körperschaftsteuer und Gewerbeertragsteuer. Sie können also praktisch netto vereinnahmt werden. Dagegen müssen die Zinsen aus den sogenannten tarifbesteuerten Werten dem steuerpflichtigen Einkommen zugezählt werden und vergrößern auf diese Weise die Steuerlast.

Wenn die daraus resultierende Steuermehrbelastung größer ist als die Differenz zwischen der Rendite eines steuerfreien und eines tarifbesteuerten Titels, so wäre der Erwerb von steuerfreien Papieren vorteilhafter. Eine exakte Regel, von welcher Steuerbelastung an steuerfreie Rentenwerte günstiger als tarifbesteuerte sind, läßt sich schwer aufstellen. Diese Frage ist vielmehr in jedem Einzelfall sorgfältig zu prüfen. Generell läßt sich sagen, daß steuerfreie Wertpapiere erst für solche Steuerzahler interessant zu werden beginnen, deren Einkommensteuerbelastung die 40-Prozent-Grenze überschreitet. Vorteilhaft sind „Steuerfreie“ vor allem für Unternehmen, solange sie Gewinne einbehalten und versteuern müssen.

Die Kurse der „Steuerfreien“ liegen weit über den mit gleichen Zinssätzen ausgestatteten tarifbesteuerten Papieren. Das Steuerprivileg schlägt sich im Kurs entsprechend nieder. Die meisten steuerfreien Renten werden auch heute noch über pari gehandelt, das bedeutet, daß ihr Besitzer einen Tilgungsverlust erleidet, wenn seine Stücke eingelöst werden, ein Faktor, der bei der Berechnung der Rendite eine gewisse Rolle spielt. Das wiederum bedeutet: Wenn man sich schon zum Erwerb der Steuerfreien entschließt, so muß man auf eine möglichst lange Laufzeit der Emission achten. Das ist insbesondere bei den Pfandbriefemissionen der Fall, wo die Endpunkte der Rückzahlung teilweise erst im nächsten Jahrhundert liegen. Ihre Kurse betragen 102 bis 103 Prozent bei einem Nominalzinssatz von 5 Prozent. Die laufende Rendite erreicht hier knapp 5 Prozent, während bei den tarifbesteuerten Papieren in Einzelfällen mehr als 9 Prozent (unter Einrechnung der Rückzahlungsgewinne) erzielbar sind. Aber dafür werden, die knappen 5 Prozent auch steuerfrei kassiert.