Wieder einmal sah sich die alte Regel bestätigt, daß Außenseiter häufig schärfer als Fachleute urteilen. So viele Berichte über Studenten und Professoren, über Probleme der Universitäten und Fragen der Hochschulreform es bisher auch gab, so erlauchte teams von gelehrten Beratern man aufbot – kein Report hatte die Klarheit und Prägnanz der von Thilo Koch durchgeführten Analyse Student sein in Deutschland.

Aus überfüllten Hörsälen und Laboratorien, Marburger Ausbildungsstätten, holte sich Koch seine Protagonisten – einzelne, die stellvertretend für hundert oder tausend andere sprachen, Studenten, an deren Beispiel die Grundprobleme der einzelnen Fächer veranschaulicht wurden. Die Germanistin berichtete über die Hilflosigkeit erster Semester, über fehlende Studienordnungen und den Mangel an Rat und freundlichem Zuspruch ... und in der Tat, die Philologin aus Miesbach oder Verden an der Aller, die anno 66 ihr Studium beginnt, verliert zwei Semester, weil niemand ihr sagt, an welchem Punkt der beste Einstieg sei, weil im Kolleg alte Gelehrte junge Gelehrte ansprechen (meine Damen und Herren, ich gebe Ihnen zunächst die Sekundärliteratur), aber keine verschüchterten Mädchen, ahnungslose Lehramtskandidaten in spe oder unselbständige Reserveleutnants, weil die Zwischenprüfungen fehlen, weil der Philologe, sich bis zum Staatsexamen niemals in Relation zu anderen sieht.

Nur wenige Minuten standen der Kochschen Germanistin zur Verfügung, doch die reichten aus, um die spezifischen Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat, so klar zu machen wie die Sorgen der Pharmazeutin, die ein Jahr lang auf einen Laborplatz warten muß, klar wie die Ängste des Werkstudenten, klar wie die Not des Naturwissenschaftlers, der in Kellerräumen und in Bodenkammern mit den jungen Herrn von Berkeley (Kalifornien) Schritt halten soll, klar wie – endlich einmal ausgesprochen! – Universitäts-Tabus auf dem Feld der vita sexualis. (Gynäkologen, und nicht allein sie, können ein Lied davon singen; sie kennen die Töchterlein wohl, die kurz vor Semesterschluß kommen, um schüchtern zu fragen, ob den Eltern etwas mitzuteilen sei.)

Koch zeichnet niemals schwarz-weiß: Um ein korpsstudentisches Museum zu skizzieren, ließ er keine Kneipen-Besäufnis, kein barbarisches Ex, sondern ein freundliches Tänzchen photographieren; Rede und Antwort stand kein dumpfes Biergesicht, sondern ein liebenswerter junger Mann, der sich dann freilich auch im Gestrüpp der Phrasen verfing. Um Courage und innere und äußere Haltung in kritischen Situationen zu zeigen, bedarf es schließlich nicht der Mensur – man kann dergleichen besser und nützlicher als freiwilliger Helfer in Bethel beweisen, Epileptiker pflegend, die Hilflosen säubernd, nicht nur ein halbes Stündlein lang Quarten und Terzen verteilend ... Doch nicht allein die Herrn vom Corps erhielten in diesem wohlgegliederten, Fragen des Raums, Fragen der Studienordnung, Fragen der Freizeit analysierenden Bericht das ihnen zukommende Teil, auch das Gros der Musensöhne wurde gnadenlos unter die Lupe genommen: Die Opfer einer autoritären Struktur präsentierten sich selbst, Dummköpfe gaben die Visitenkarte ab, endlich einmal wurden Studenten gezeigt, wie sie sind, endlich sah man neben den Klugen, Weltoffenen und Souveränen auch die Vielzahl jener Stupiden, die nicht wissen, was AStA bedeutet, und ihren Sprecher nicht kennen; endlich erkannte man hinter diesen auch die Schatten jener, die so viel besser antworten würden, aber nicht antworten können, weil ihre Väter keine Akademiker, sondern Arbeiter sind. Momos