Die Ursache der fast hysterischen Versteifung und Abkapselung Ostberlins ist nach außen wenig sichtbar: Die DDR steckt tiefer in politischen und vor allem wirtschaftlichen Nöten, als es den meisten ihrer Bewohner bewußt ist. Die ungleichen Bedingungen im Handel mit der Sowjetunion tragen daran die Hauptschuld. Vor einem dreiviertel Jahr trieben sieden verzweifelten Ostberliner Planungschef Apel in den Freitod; jetzt trieben sie den SED-Chef zu einem Bittgang in den Kreml.

Als Ulbricht vor kurzem seinen seltsamen Ausflug in die weißrussische Hauptstadt Minsk unternahm, hieß sein eigentliches – und geheimgehaltenes – Reiseziel Moskau. In aller Diskretion legte er dort den Kreml-Führern seine dringendsten Wünsche dar. Wenn jetzt Mitte September das Zentralkomitee der SED zusammentritt, wird es von Walter Ulbricht Auskunft erwarten, wie weit es ihm gelungen ist, die sowjetischen Freunde zum Nachgeben zu bewegen.

Die Sowjetunion soll, so verlangen die ökonomischen Experten der SED immer dringlicher, endlich ihre Rohstoffpreise auf das Weltmarktniveau senken. Sie soll ferner die Absicht aufgeben, die sie bei der Bukarester Bündnistagung im Juli kundtat, nämlich für einen Teil ihrer Rohstofflieferungen an die Verbündeten auch noch Bezahlung in frei konvertierbarer Währung zu verlangen (mit der Begründung, auch der Rubel sei „hartes“ Geld).

Schon in Bukarest war es dieserhalb hinter den Kulissen zu heftigen Diskussionen zwischen osteuropäischen Parteichefs und den Sowjetführern gekommen. Einige, darunter die Rumänen, bezeichneten es als untragbar, daß sie für die Fertigwaren, die sie in die Sowjetunion exportieren, Weltmarktpreise erhalten, daß sie aber umgekehrt für die Rohstoffe, die sie von dort importieren, immer noch Preise zahlen sollen, die sich nach den hohen sowjetischen Kosten richten.

Obwohl die DDR als hochindustrialisiertes und wirtschaftlich mit Moskau besonders eng verflochtenes Land mehr als manches andere von dieser Regelung betroffen ist, hatte sich Ulbricht in Bukarest sehr zurückgehalten. Zwei sowjetische Argumente waren ihm offenbar zu Herzen gegangen. Erstens: die Sowjetunion trage die höchsten Verteidigungslasten im Bündnis; es sei also recht und billig, wenn die Verbündeten an dieser Bürde über die Differenz der Export- und Importpreise beteiligt würden. Zweitens: die sowjetische Führung stehe unter einem gewissen innenpolitischen Druck, weil es den Sowjetbürgern nicht verborgen geblieben sei, daß der Lebensstandard heute in allen verbündeten Ländern Osteuropas höher ist als in der Sowjetunion – und am höchsten in der DDR.

Diese Argumente, die Ulbricht in Bukarest noch zur Vorsicht bewogen, überzeugen die industriellen Manager der DDR aber von Tag zu Tag weniger. Ihr „neues ökonomisches System“, mit dem sie in letzter Zeit unzweifelhaft Erfolge zu verzeichnen hatten, droht in die Brüche zu gehen, wenn die fatalen Handelsbedingungen mit Moskau, dem größten und wichtigsten Partner der DDR, nicht bald revidiert werden. Dies um so mehr, als auch die Wirtschaftsbeziehungen zu den anderen sozialistischen Ländern, besonders zur Tschechoslowakei, Ungarn und Bulgarien immer schwieriger werden, seit deren Plankommissionen – ebenfalls von Experimentierlust ergriffen – eine Reform nach der anderen einführen. Eine Kooperation, wie sie der „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (Comecon) anstrebte, wird deshalb immer unwahrscheinlicher und bietet sich nicht mehr als Ausweg an. Hansjakob Stehle