Von Ansgar Skriver

Georg Picht (Herausgeber): Studien zur politischen und gesellschaftlichen Situation der Bundeswehr. Erste Folge; Eckart-Verlag, Witten und Berlin; 319 Seiten, 26,– DM

Der Militärbischof Hermann Kunst ist für die ersten zehn Jahre evangelischer Militärseelsorge ohne Anknüpfung an eine Tradition von Thron und Altar unter den völlig veränderten Bedingungen des Atomzeitalters verantwortlich. Er hat eine Überzeugung verteidigt, die sein Amt begründete und rechtfertigte. Er mußte dabei eingreifen in die Grundsatzdiskussion über die Problematik des seelsorgerlichen Beistands für in der Bundeswehr dienende Christen und der etwa damit verbundenen, vielleicht sogar zwangsläufigen Beteiligung an Position und Zielsetzung des Militärs im Kalten Krieg. Im November 1965 haben auch seine theologischen Gegner ihm Respekt bekundet und, wenn auch nicht mit einem nachträglichen Plazet, ihm und seinen Mitarbeitern für den ethischen Ernst ihrer Tätigkeit gedankt.

Kirchenpolitisch wurde die Sache der Militärseelsorge im geteilten Deutschland mit all ihren Belastungen für die Fortdauer der Einheit der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Mehrheit entschieden; es kann jedoch nur begrüßt werden, daß dem Militärbischof dieses Faktum offenbar nicht genügte. Er verspürte den Drang, sich durch eine wissenschaftliche Kommission in Grundfragen beraten zu lassen. Soziologische, historische, politikwissenschaftliche Forschungen unternahm in seinem Auftrag die Evangelische Studiengemeinschaft in Heidelberg unter Leitung von Professor Georg Picht, um die neue Aufgabenstellung der Militärseelsorge angesichts der heutigen gesellschaftlichen Bedingungen zu prüfen.

Erste Ergebnisse sind vor kurzem veröffentlicht worden. Es sind noch nicht die für die Entstehungsgeschichte dieses Forschungsauftrages wichtigsten Themen, die hier vorgetragen werden. Möglichkeiten, Grenzen und der theologische Auftrag einer evangelischen Seelsorge in westdeutschen Streitkräften des Atomzeitalters stehen zur Diskussion im Zusammenhang mit dem theologischen Problem des Friedens als Lebensbedingung des technischen Zeitalters. Man darf auf die von Günter Howe am Schluß seines Beitrages über „Technik und Strategie im Atomzeitalter“ angekündigte mehr theologische Phase der begonnenen Arbeit gespannt sein, die beispielsweise Aussagen über die militärisch-politische Grundlagenkrise in Ost und West auch im Zusammenhang mit Grundproblemen der marxistisch-leninistischen Philosophie bringen soll; einstweilen liegen analytische Teilergebnisse vor, die einer „theologischen Phase“ vorausgehen. Der Berliner Historiker Professor Hans Herzfeld untersucht das Thema „Die Bundeswehr und das Problem der Tradition“; von Krafft Freiherrn Schenck zu Schweinsberg stammt die Studie „Die Soldaten verbände in der Bundesrepublik“.

Den bedeutendsten Beitrag der vergleichsweise fachlich gestalteten und daher leider wohl zu sehr auf kleine Kreise beschränkt bleibenden Veröffentlichung lieferte Georg Picht mit der Einleitung. Von politischem Interesse ist sein Bericht über die zunächst vom damaligen Bundesverteidigungsminister Strauß dem evangelischen Militärbischof gegebene verbindliche Zusicherung, die geplanten Arbeiten in jeder Weise zu unterstützen und das erforderliche Informationsmaterial zur Verfügung zu stellen. Diese Zusage wurde 1961 zurückgezogen, wodurch das ganze Unternehmen in Frage gestellt wurde: „Die Kommission konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, daß das Verhalten des Ministers und seines Ministeriums zur Erörterung der Frage nach dem Verhältnis der Bundeswehr zur Demokratie, der Bundeswehr zur Wissenschaft und der Bundeswehr zur Militärseelsorge einen nicht unbedenklichen Beitrag geleistet hat.“ Im Unterschied etwa zu den Vereinigten Staaten ist bei uns die Disziplin der Militärsoziologie ausgesprochen schwach entwickelt, woran nicht zuletzt eine Publizitätsscheu infolge unentwickelter demokratischer Tradition unter den Geheimhaltungsrestriktionen besonderer Bedingungen des Kalten Krieges wohl schuld sein wird. Trotz der Schmälerung ihrer Informationsbasis glaubt die Heidelberger Kommission, ihre Arbeiten wissenschaftlich verantworten zu können.

Picht hat einige Grundgedanken vorweggenommen, deren Ausarbeitung in den letzten der geplanten fünf Bände zu erwarten ist. Militärseelsorge soll im größeren Rahmen der „kritischen Mitverantwortung der Kirche für die Welt, in der sie steht“, begriffen werden. „Die Kirche hat deshalb in allen Bereichen des Staates und der Gesellschaft die Pflicht, die unbequemen Fragen zu stellen, denen die Träger der politischen Verantwortung sich zu entziehen geneigt sind.“ Hier klingt bereits eine ethische Begründung für evangelische Denkschriften an wie zum Beispiel derjenigen zur Lage der Vertriebenen und des Verhältnisses zu den östlichen Nachbarn.