Die Zeitschrift „Wort in der Zeit“, die in Graz erscheint (Stiasny-Verlag), beschäftigt sich mit einem Buch, zu dem sechs Journalisten beigetragen haben und das „Warnung an Österreich“ heißt. Der Aufsatz beginnt mit den Worten: „Man trägt wieder Antisemitismus.“ Und später wird gesagt: „Nur wenige Österreicher sind Nazis, aber viele sind Antisemiten. Über den Umweg dieses Antisemitismus schleicht sich partiell faschistisches Gedankengut ein ...“

Die Autoren der „Warnung an Österreich“ prangern vor allem drei Erscheinungen an: die Milde der Gerichte bei Kriegsverbrecherprozessen, den provinziellen Eigendünkel, wie er im „Österreichischen Turnerbund“ zutage tritt, und die Haltung der „Kameradschaftsbünde“ ehemaliger Soldaten, in denen das „Nationale“ eine Rolle spielt, ohne daß jemand so recht weiß, was darunter zu verstehen ist. Der Antisemitismus, den „man wieder trägt“, scheint bei alledem ein „Atavismus“ zu sein. Ein Atavismus, der (so heißt es in „Wort in der Zeit“) sich „lapidar in dem hierzulande weitverbreiteten Volksspruch fassen“ läßt: „Schuld an all dem ist der Hausjud’...“

Die Milde der österreichischen Gerichte in Kriegsverbrecher-Sachen ist allerdings eklatant: Robert Verbelen, der „mit eigenen Händen an Torturen und Morden beteiligt war“, wurde freigesprochen („Befehls-Notstand“), worauf ein belgischer Priester, ein Freund Österreichs, erklärte, er werde das Land nie mehr besuchen. „C’est fini. Adieu l’Autriche!“ Aber „Wort in der Zeit“ zitiert auch das vergleichsweise milde Urteil gegen einen rechtsradikalen Studenten, der bei einer politischen Demonstration einen demokratischen Teilnehmer, einen 67 Jahre alten Rentner, so brutal schlug, daß dieser starb: zehn Monate Arrest. Zum Vergleich: Ein Mann, der nach einem Einbruch splitternackt durch die Gänge eines Klosters lief, um die Nonnen zu erschrecken, bekam zwei Jahre und vier Monate Gefängnis aufgebrummt.

Der „Österreichische Turnerbund“ pflegt jenes „Heimatgefühl“, das (laut „Wort in der Zeit“) schwer vom Blut- und Bodenkult unseligen Andenkens zu trennen ist: „Positive Kräfte, nicht richtig genutzt und nicht in die richtigen Kanäle geleitet“, zum Nachteil der Demokratie.

Schließlich tragen die „Kameradschaftsbünde“ zur Verwirrung der Gemüter bei. Ja, können sich alte Kameraden denn nicht einfach unter der Parole der Kameradschaft treffen, wenn sie sich treffen wollen? Offensichtlich nicht. Es genügt wohl nicht, von alten Orden und Wunden zu sprechen. Es gehört „Tradition“ dazu und traditionsgemäß dann auch das „Nationale“. Und hier sind die alten Soldaten in Österreich noch schlimmmer dran als die in Deutschland. Nicht nur, daß auch sie für Hitler kämpften – sie hätten, wenn ihnen der Sieg zuteil geworden wäre, ihr Vaterland verloren. „Es gibt kein Bekenntnis zu Österreich“, so steht es in der „Warnung an Österreich“, „das mit der Pflege der Tradition der Hitler-Wehrmacht zu verbinden ist.“

Daß junge Leute in Österreich, auch solche, die unbeeinflußt sind vom „Kameradschaftsbund“ und die abseits vom „Turnerbund“ stehen, sich gelegentlich antisemitisch gebärdenkann nach „Wort in der Zeit“ zum Teil dadurch erklärt werden, daß der Kampf gegen den Antisemitismus, wenn er mit unzulänglichen Mitteln geführt wird, sie auf den Gedanken bringt, „daß die Sache gewiß auch ihre interessante Seite haben müsse, weil so viel Gerede darum gemacht wird“. Daß daran etwas Wahres ist, hat sich in allerlei Vorkommnissen ja auch in der Bundesrepublik Deutschland gezeigt. Kaum der Rede wert.

Es bleibt das Wort vom Antisemitismus als einem „Atavismus“ haften, der nach wie vor in Österreich gärt. Ob es sich dabei um ein speziell österreichisches Übei handelt? Zwar kann keine Rede davon sein, daß man etwa auch bei uns zulande „wieder Antisemitismus trägt“, doch will ich diese Frage schon deshalb nicht vertiefen, weil unsere „Stammesbrüder“ in Österreich empfindlich zu reagieren pflegen, sobald sie ein kritisches Wort aus dem Ausland, und gar aus dem „stammverwandten“, hören.