Von Adolf Heusinger

Die erste Welle der hektischen Erregung über die Abschiedsgesuche der drei Generale der Bundeswehr ist im Abklingen. Eine ruhigere Beurteilung der Krise bahnt sich an. Die Probleme werden sachlicher gesehen.

Aber die Reaktion der ersten Tage gibt sehr zu denken. Die manchmal recht voreiligen Kommentare in Presse, Rundfunk und Fernsehen gipfelten in Schlagworten wie: „Gefährdung des Primats der Politik“, „Revolte, Machtstreben und Disziplinlosigkeit der Generale“, „Vordringen reaktionärer Gruppen in der Bundeswehr“ und „Absage an die Konzeption der Inneren Führung“. Recht einseitige Erinnerungen an die Reichswehrzeit und an General von Seeckt wurden zu neuem Leben erweckt. Das Wort vom „Staat im Staate“ geisterte durch die Öffentlichkeit. Die dominierende Rolle der Beamten, die Starfighter-Affäre, der ÖTV-Erlaß boten Anlaß zu harten Auseinandersetzungen. Der überstürzte Aufbau der Streitkräfte wurde aufs neue kritisiert. Sogar das strategische Konzept der NATO und die Atomfragen wurden mit als Ursachen der Meinungsverschiedenheiten herausgestellt.

Alle diese Reaktionen zeigten, wie besorgt man um die noch gar nicht selbstverständliche Sicherheit unserer Demokratie ist und wie wenig es bisher gelang, die Bundeswehr in den neuen Staat als legitimen Bestandteil wirklich einzubauen. Gewiß, die demokratische Staatsform ist noch jung bei uns. Andere Staaten haben für ihre Verwirklichung ein Jahrhundert benötigt. Es wird geraume Zeit dauern, bis sie bei uns endgültig verankert ist. Die lebhafte Sorge vor jeder Gefährdung dieses Prozesses mag verständlich sein. Sie zeigte gerade jetzt, wie wach unsere Öffentlichkeit gegenüber jeder vermeintlichen Gefahr für die Demokratie ist. Daß der Verteidigungsausschuß des Bundestages sich sofort einschaltete, ist zu begrüßen.

Eine solche Gefahr aber gerade von Seiten der Bundeswehr drohen zu sehen, geht an den Dingen doch vorbei. Die Bundeswehr ist – das kann man ohne Übertreibung sagen – staatstreu und gehorsam. Mir scheint jedoch, daß unsere Truppe sich noch immer nicht genügend getragen fühlt von allen Kräften der Demokratie. Sie droht in jene Vereinsamung zu geraten, die sie selbst mit allen Mitteln zu meiden sucht.

Die Gründe sind verschiedenster Art. Sie dürften mit darin zu suchen sein, daß gerade den führenden Männern unseres Staates häufig ein echtes inneres Verhältnis zum Soldatentum fehlt. Mit schönen Worten aber läßt sich die Truppe nicht genügen. Sie erwartet mit Recht, nicht nur als quantité négligeable angesehen zu werden, sie möchte ganz normal ohne irgendwelche Vorrechte anerkannt und nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen bejaht sein. Sie erwartet eine feste politische Führung, der sie sich ohne Vorbehalte unterordnet, in deren Hand sie sich aber auch geborgen fühlen möchte.

Was ist geschehen? Drei Generale haben Bedenken gegen bestimmte Maßnahmen und Entscheidungen des Verteidigungsministers gehabt. Zwei von ihnen fühlten sich des Vertrauens des Ministers nicht mehr sicher und in ihrer Einflußnahme auf wichtige Entschlüsse behindert oder übergangen. Sie haben daher um ihre Entlassung gebeten. Sie wollten nicht schweigen zu Dingen, mit denen sie nicht einverstanden waren.