Weil er an einer Lungentuberkulose litt (deretwegen er seine Stellung als Lehrer hatte aufgeben müssen), brauchte er nicht Soldat zu werden, obwohl sein Land seit zwei Jahren in einem erbitterten Krieg stand und eigentlich jeder Mann gebraucht wurde. Die Zurückstellung hat den Dreißigjährigen nicht etwa enttäuscht, im Gegenteil: „Meiner Meinung nach bin ich ein „viel zu kostbares Wesen, um mich gratis und zum Spaß einer deutschen Kugel anzubieten“, meinte er und, etwas allgemeiner: „Dieser Militarismus ist das Ende all dessen, wofür wir leben möchten, er zerstört den Kern unseres Wesens.“

Er wollte für etwas anderes leben. Er fühlte sich als Kämpfer zukünftiger Freiheiten. Aber das hatte ihm und seinem Werk bis dahin nur den Stempel des Obszönen eingebracht. Und im England jener Zeit war ein solches Etikett nicht etwa eine Reklame, sondern fast ein Todesurteil. Für ihn und seine Frau“ brachte es Jahre bitterster Armut und dazu das Bewußtsein, im eigenen Land verfemt zu sein. Und gerade dies wurde noch dadurch verstärkt, daß seine Frau Deutsche war.

Sie wohnten in einem Landhaus in Cornwall, direkt an der Küste, wo sie nur wenig Miete zu zahlen brauchten. Weil er auf den Krieg schimpfte und sich über die Kriegspropaganda lustig machte und noch dazu abends mit seiner Frau deutsche Volkslieder sang, kam er den Nachbarn verdächtig vor. Sie meinten – und meldeten das auch der Polizei –, er sei ein Spion.

Pflichtgemäß ging die Polizei der Sache nach. Die beiden wurden beobachtet, ihr Haus in ihrer Abwesenheit erbrochen und durchsucht. Obgleich die Beamten nichts fanden, waren sie doch nicht bereit, von dem einmal aufgekommenen Verdacht zu lassen. Immerhin schien es ihnen nicht unmöglich, daß die Frau, die im Garten Wäsche aufhängte (was sie tatsächlich tat), auf solchem Wege deutschen U-Booten, die man vor der Küste vermutete, irgendwelche Nachrichten zukommen ließ. Um auf gar keinen Fall ein Risiko einzugehen, gab die zuständige Militärbehörde den beiden die Anweisung, Cornwall zu verlassen.

Diese Geschichte hat ihn tief verletzt. Er hatte das Gefühl, so schrieb er später, „man habe ihn umgebracht“; er „hatte immer an alles so sehr geglaubt, an die Gemeinschaft, an die Liebe, an die Freundschaft. Dies war einer der schlimmen Augenblicke, in denen der Glaube stirbt.“

Sie gingen nach London, zu Freunden. Auch da wurden sie noch von der Polizei beobachtet. Er fühlte sich nun völlig als Außenseiter und Fremdling. Und seine Unduldsamkeit der Welt und seinen Mitmenschen gegenüber wurde immer schroffer. Immer häufiger und heftiger geriet er auch mit Freunden in Streit, und sogar seine Frau war vor seinen oft maßlosen Wutanfällen nicht mehr sicher. Oft behandelte er sie mit kaum vorstellbarer Brutalität. „Er schlug sie“, heißt es in dem Brief einer Augenzeugin, „er schlug sie, als ob er sie umbringen wollte – auf das Herz, das Gesicht, die Brust; er raufte ihr das Haar aus... Ich werde nie vergessen, wie er aussah. Er war so weiß – fast grün, und er schlug auf die große üppige Frau ein.“

Kennengelernt hatte sie ihn, als sie noch mit einem seiner ehemaligen Lehrer verheiratet gewesen war, einem englischen Professor, mit dem sie drei Kinder hatte. Ohne zu zögern war sie mit ihm durchgebrannt, um – wie sie ihrem Vater erklärte, einem deutschen Offizier – vom Leben doch endlich „das Allerbeste kennenzulernen“. Daß sie sich damit kopfüber in ein unsicheres Abenteuer stürzte, war ihr gewiß klar – nicht aber, daß die Unsicherheit so lange dauern würde.