In den letzten Monaten war jeder Wertpapiererwerb falsch. Schon nach kurzer Zeit entstanden Kursverluste, die man sich hätte ersparen können, „wenn man die Finger von der Börse gelassen hätte“. Um sich unnötigen Ärger zu ersparen, waren viele Wertpapierexperten der Kreditinstitute dazu übergegangen, ihrer Kundschaft zu raten, das Geld auf Konto zu legen. Nur den Großanlegern, die mit den Spielregeln des Wertpapiergeschäfts vertraut sind und die genau wissen, daß es nur wenigen möglich sein wird, Aktien und Renten zum absoluten Tiefpunkt zu kaufen, wurde seit Monaten gesagt, an „schwachen Börsentagen“ mit der Anlage zu beginnen. Von ihnen wußte man, daß sie nicht schon nach kurzer Zeit an den Bankschalter kommen würden, um sich über die gefallenen Kurse und über die damit verbundenen Verluste zu beklagen. In den letzten Tagen hat sich im Verhalten der Anlageberater eine gewisse Wandlung vollzogen. Auch der „kleineren Kundschaft“ wird nunmehr nahegelegt, sich den Aktien- und Rentenerwerb zu überlegen.

Von den meisten Banken und Sparkassen wird der Kauf von deutschen Standardaktien empfohlen, und zwar der Elektro- und Chemieindustrie sowie Aktien der Großbanken. Diese Papiere haben in der jüngsten Vergangenheit unter den Verkäufen aus amerikanischem Besitz besonders gelitten. Sie erscheinen aber nicht nur deshalb als anlagewürdig, darüber hinaus erwartet man von den betreffenden Gesellschaften ein weiteres Wachstum und auch eine gesunde Gewinnentwicklung.

Nicht ganz so optimistisch ist das Kölner Bankhaus I. D. Herstatt, das in seiner neuesten Börsenanalyse feststellt: „Nach der momentanen gesamtwirtschaftlichen Konstellation muß damit gerechnet werden, daß in den wachstumsbetonteren Industrien – beispielsweise Chemie und Elektrotechnik – für 1966 und 1967, wenn überhaupt, nur noch eine mäßige Gewinnentwicklung zu verzeichnen sein wird. Für diesen Fall rechtfertigt sich ein Engagement in Versorgungswerten wegen der zu erwartenden stetigen Ertragsentwicklung nicht zuletzt auch als ‚defensive‘ Anlage.“

Versorgungsaktien sind keine „aufregende“ Angelegenheit. Sie sind vornehmlich etwas für Sparer, die auf eine sichere Rendite Wert legen und hinsichtlich der Gewinnentwicklung von konjunkturellen Schwankungen möglichst unabhängig sein wollen. Wegen ihrer Solidität werden sie in den Börsensälen oftmals „Witwen- und Waisen-Papiere“ genannt. Von der allgemeinen Börsenbaisse sind indessen ihre Kurse keinesfalls verschont geblieben. Sie sind prozentual sogar stärker gefallen als der Durchschnitt aller deutschen Aktien. Das liegt im wesentlichen daran, daß man ihnen noch vor zwei Jahren überdurchschnittliche Wachstumschancen nachsagte (vor allem der RWE-Aktie), die sich bislang nicht realisiert haben und wohl auch nur bei einigen Gesellschaften realisieren werden.

Inzwischen hat eine nüchterne Einschätzung Platz gegriffen. Versorgungsaktien werden nicht mehr nennenswert höher bewertet als der Durchschnitt aller Aktien. Wenn man aber bedenkt, daß die Versorgungsunternehmen (da sie feste Konzessionsgebiete haben) nicht von Existenzrisiken bedroht sind und wegen der Notwendigkeit, ständig an den Kapitalmarkt herantreten zu müssen, von der Dividende her eine gewisse Kurspflege zu treiben haben, so kann der Erwerb ihrer Aktien für den in erster Linie auf Sicherheit und Rendite bedachten Anleger zum jetzigen Zeitpunkt nicht falsch sein.

Die deutsche Elektrizitätswirtschaft rechnet in den nächsten Jahren mit einer jährlichen Steigerung des Stromabsatzes von 7 bis 8 Prozent. Dieser Satz wird dort unterschritten werden, wo die Unternehmen sich stark auf gewerbliche und industrielle Abnehmer stützen (ihr Stromverkauf ist von der konjunkturellen Gesamtentwicklung abhängig). Er wird höher sein bei Unternehmen, die einen beträchtlichen Teil ihrer „Produktion“ an die Haushalte liefern. Dieses Geschäft bedingt zwar einen etwas höheren Aufwand, bringt aber bessere Erlöse und läßt auf eine sichere Zunahme bauen, weil der Verbrauch der privaten deutschen Haushalte mit 1350 Kilowattstunden (kWh) noch längst nicht die obere Grenze erreicht hat. In den USA werden jährlich pro Haushalt 4944 kWh abgegeben.

Nach der Herstattschen Untersuchung gibt es fünf große börsengängige Aktienwerte der Versorgungsindustrie: Bekula (das Berliner Versorgungsunternehmen), HEW (Hamburgische Electrizitäts-Werke), NWK (Nord westdeutsche Kraftwerke AG, eine Enkelin der Veba), RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk, größtes Unternehmen seiner Art in der Bundesrepublik und VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen, ein Börsenneuling). Unter Wachstums- und Ertragsgesichtspunkten qualifizieren sich NWK, VEW und RWE für die langfristige Anlage.