Die Regierungsumbildung ist fürs erste abgeblasen. Die CDU/CSU-Fraktion läßt dem Kanzler freie Hand, wann er sich von einigen verschlissenen Ministern trennen will. In diesem Jahr wird es kaum noch geschehen.

Überraschend ist das nicht. Die Fraktion beklagt zwar Erhards Autoritätsverfall und versiegende Führungskraft, sie überschüttete ihn auf ihrer ersten Sitzung nach der Sommerpause mit ihrem aufgestauten Unwillen. Aber darin erschöpfte sie sich, weil auch sie von der gleichen Schwäche befallen ist wie der Kanzler und das Kabinett. Zur Bewältigung der Krise ist die von widerstreitenden Interessen zerrissene Regierungspartei nicht imstande. Sie fürchtet, ihre Kräfte zu überdehnen, wenn sie versuchen wollte – was notwendig wäre –, ungelöste politische Probleme und personelle Fragen gleichzeitig zu lösen.

Erhards Stärke liegt also in der Schwäche der Fraktion, die einig ist im Mißvergnügen über ihren Regierungschef, aber noch ohne personelle Alternative. Der Kanzler hat hierdurch ein wenig Zeit gewonnen, und es mag sogar von Vorteil sein, daß er jetzt den Blick frei hat für die Überwindung der Finanzmisere, für die bevorstehenden heiklen Gespräche mit Präsident Johnson, für die Reorganisation des Verteidigungsministeriums.

Im Augenblick wünscht Erhard kein Revirement. Setzen sich indes die Auflösungserscheinungen fort, wird später nicht ein einziger talentierter Unionspolitiker in das Kabinett eintreten und dessen ungewisses Schicksal teilen wollen. Ohnedies wird die Fraktion bald den begrenzten Wert eines Ministerschubs erkennen. Gilt die Mißstimmung der Unzulänglichkeit des Kanzlers, dann werden umsichtige Minister sie vielleicht kaschieren, nicht aber aufwiegen können. Wendet sich die Fraktion gegen Erhards Politik, so ist die Kabinettsreform ein untaugliches Mittel. Die Unionsparteien werden bald einsehen, daß bei einer weiteren Zuspitzung des Konflikts nur eine Kanzlerneuwahl erreichen kann, was sie heute noch durch eine Kabinettsumbildung zu bewirken hoffen. Be.