Es war eine denkwürdige Hauptversammlung, als der damalige Vorstand der Bayerischen Motorenwerke AG sich in all seiner Glück- und Hilflosigkeit das Vorbild des wackeren niederbayerischen Goggomobil-Produzenten Hans Glas mußte vorhalten lassen: „Es ist ein: Schlosser gekommen aus Amerika Und hat eine Automobilfirma aufgemacht seit einigen Jahren ...“ Damals, im Dezember 1959, hätte BMW um ein Haar seine Unabhängigkeit durch einen Anschluß an Daimler-Benz verloren.

Der „König von Dingolfing“ hatte sich in jungen Jahren in Amerika die Sporen verdient, nach seiner Rückkehr 1918 die in fremde Hände übergegangene väterliche Landmaschinenfabrik zurückerworben und nach dem Zweiten Weltkrieg, nach einem relativ kurzen Zwischenspiel mit dem Roller Goggo, 1954 den kühnen, aber wohlüberlegten Schritt zur Autofabrik gewagt, Das unverwüstliche Goggomobil war das erste Glied einer Erfolgskette von Wagentypen, der Hans Glas jetzt mit einem 2,7-Liter-Sportmodell ein besonders attraktives Glanzstück einfügte.

Der Beginn der Serienproduktion des neuen V8-Coupes fiel zusammen mit einer Welle von Publicity, die dem 76jährigen niederbayerischen Autopatriarchen keineswegs angenehm war. Glas, so hieß es aus gewiß recht gut unterrichteter Quelle, wolle sich mit der vor sechs Jahren sanierten und inzwischen wieder erstarkten Bayerischen Motoren Werke AG zusammentun – wobei die Versionen von einer „Kooperation“ auf einzelnen Gebieten bis zu einer – völligen Fusion der beiden ungleichen, doch in ihrer Marktkonzeption in mancherlei Hinsicht verwandten Unternehmen reichten. Über einen eventuellen Kaufpreis wurden bereits die verwegensten Spekulationen angestellt.

Es ist nicht das erstemal, daß es in der Branche Gerüchte um Glas gab. Immer wieder, gerade wenn man aus gegebenem Anlaß – zuletzt vor einem Jahr am 11. Juni zu seinem 75. Geburtstag – die bewundernswerte Leistung dieses Mannes würdigte, vor allem aber jeweils dann, wenn in der Automobilindustrie die Weichen irgendwo neu gestellt und dem Wettbewerb Glanzlichter aufgesetzt wurden, fragte die Branche neugierig, was es bei Glas Neues gäbe. Man glaubte nicht so recht der Versicherung, daß außer über neue Wagentypen tatsächlich nichts von Belang zu berichten sei.

In den letzten Wochen schaute man nicht vergeblich nach Dingolfing. Kaum hatte sich die erste Aufregung gelegt, als auch schon die positive Nachricht kam, daß BMW und Glas eine Vertriebsgemeinschaft eingehen wollen. Später, so ließen beide Partner durchblicken, wollten sie auch auf anderen Gebieten, etwa im Einkauf, zusammenarbeiten und ihre auf den individuellen Käufer zugeschnittenen Typenprogramme aufeinander abstimmen. Hans Glas sprach von einer „Verlobung“, dementierte aber im gleichen Atemzug, daß an einen Verkauf an BMW gedacht sei, für den „weder die Notwendigkeit noch das Interesse“ bestehe.

Auf eine Verlobung folgt normalerweise eine Hochzeit. Zwischen beiden Ereignissen können zwar Monate oder gar Jahre liegen, aber auch in der Wirtschaft verbindet man mit dem aus dem bürgerlichen Leben entlehnten Begriff bestimmte Vorstellungen.

Wann und auf welche Weise zwischen BMW und Glas eine Ehe Zustandekommen soll, ist noch recht ungewiß. Wahrscheinlich sind sich die Beteiligten selbst noch nicht über die Modalitäten und die gegenseitigen Bedingungen des „Ehevertrags“ im klaren Aber keineswegs bahnte sich, wie der BMW-Verkaufschef am Wochenende vor der Fernsehkamera beschwichtigend bemerkte, nur „ein kleiner süßer Flirt“ an. Bei dem angeblichen Flirt stehen recht harte Realitäten auf dem Spiel.