Bremen

Bremens Pennbrüder sind heimatlos geworden. Bremens Volksvertretung aber hat eine Heimat. Wo Gammler ihre von Wermut schweren Häupter betteten, als das neue Parlamentsgebäude noch eine Baustelle war, hielt am vergangenen Freitag politische Prominenz aus Bund und Ländern über den protokollgerechten roten Teppich und den hauseigenen grauen Velours Einzug in ein Gebäude, das in seinen Grundfesten gezittert hat, längst bevor die Richtkrone aufgezogen wurde. Der Streit über die Frage, ob das Haus der Bürgerschaft am Markt zu Bremen in der Nachbarschaft von Rathaus, Schütting und Dom historisch nachempfunden oder modern gebaut werden sollte, hatte die Fachwelt alarmiert, Politiker erhitzt, Redeschlachten provoziert und hanseatische Familienverbände zerstritten. „Es war schlimm“, erinnerte sich am Einweihungstag eine Hausfrau mit Einkaufsnetz zu Füßen des Roland. „Unsere ganze Familie war entzweit. Wochenlang sprach keiner mehr mit dem andern.“

Nun sprechen sie wieder. Über Wassili Luckhardts, des Berliner Architekten kühne Konstruktion aus Stahl, Glas und flämischen Handstrichziegeln, die schließlich über restaurative Sehnsüchte nach rekonstruierten Fassaden gesiegt hat und über die Kompromißgiebel auf dem Kupferdach, zu denen der Architekt sich nur widerstrebend entschloß. Luckhardt über die Giebel: „Das war eine politische Entscheidung, der ich mich fügen mußte, sonst hätte ich den Auftrag nicht bekommen.“

Historisch wie der Marktplatz ist der Wunsch der hanseatischen Volksvertreter nach einem eigenen Parlamentshaus. Daß er erst nach 120 Jahren erfüllt wurde, ist für Bürgerschaftspräsident August Hagedorn – mit 78 Jahren der dienstälteste Parlamentschef der Bundesrepublik – ein Zeichen für „bedenkliche Schwäche an Selbstbewußtsein und Durchsetzungskraft“. Das Parlament war Jahrzehnte hindurch Gast in der Börse und residierte zuletzt, unter einem Dach mit dem Senat, auf harten Stühlen im Rathaus, in schlechter Luft und bei einer Akustik, die manches Abgeordnetenwort verschluckte. Wer Erfrischung begehrte, suchte sie in der provisorischen Küche; die Zuhörer hockten auf Holzbänken ihren Volksvertretern im Nacken und erlebten die Peinlichkeit distanzloser, verzerrter Perspektiven.

Bis 1956 wurde acht Jahre lang der Standort des neuen Parlamentshauses diskutiert. Wer dies schon für „Krieg“ gehalten hatte, irrte. Es war nur ein Vorgeplänkel. Als der Entschluß erkämpft war, nirgendwo anders als in Bremens „guter Stube“, dem Marktplatz, zu bauen, entbrannte die Debatte um die Bauweise in einer Form, die sachliches Argumentieren der Fachleute streckenweise unmöglich machte. Von 71 Architektenentwürfen ging es schließlich noch um zwei, um den „historischen“ des Bremer Architekten Müller-Menckens und den „modernen“ von Wassili Luckhardt.

Die „Bremische Gesellschaft Lüder von Bentheim“ rief das Volk zur Abstimmung auf und konnte nach 96 Stunden in ganzseitigen Zeitungsanzeigen Erfolg melden: „Bremer! Was hat ein einziger Aufruf in den Zeitungen in drei Tagen erbracht! Für unsern Vorschlag, Wiederaufbau historischer Giebelhäuser am Markt, stimmten spontan 52 889 Bremer. Für den Entwurf des Herrn Wassili Luckhardt stimmten 2064. 2503 sandten ungültige Stimmen.“ Ein von der Gesellschaft engagiertes Institut für Meinungsforschung kam zu ähnlich niederschmetternden Ergebnissen für die moderne Konzeption und ihren Fürsprecher Präsident Hagedorn.

Aus Emotionen wurde Hysterie. In Schulen prügelten sich die Jungbürger, ohne Ahnung, worum es eigentlich ging. Die Tageszeitungen erstickten in Leserbriefen und gaben Sonderseiten heraus. So erregte sich eine Schreiberin: „Schon meine Großmutter ging nach Bremen zum Markt als Händlerin mit den Körben auf dem Kopf. Ich habe mit mindestens zwanzig Bürgern gesprochen. Sie alle sagen, was zögert man, nix wie ran, baut die Kleinodien wieder auf.“ Im Namen von „Hunderten im Ausland lebenden Bremern“, erflehte ein Herr H. aus Mexiko Entscheidung für das Historische. Eine Frau Anneliese dichtete: „Das Volk seinen Willen han, schon damit es später nicht meckern kann.“