Reinhard Höhn: Führungsbrevier der Wirtschaft. Verlag für Wissenschaft, Wirtschaft und Technik, Harzburg. 200 Seiten, 18,– DM.

Unter der Leitung des Autors ist im letzten Jahrzehnt in Harzburg die Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft entstanden, eine Institution, die seit längerem das mehr als beiläufige Interesse größerer und mittlerer Unternehmen findet. Höhn geht es um die genauere Bestimmung und die methodische Klärung eines Führungsstils, den er aus dem Begriff der „Delegation der Verantwortung“ entwickelt. Der Vorgesetzte müsse sich im Verhältnis zu seinen Mitarbeitern auf Dienstaufsicht und Erfolgskontrolle beschränken und in dieser Weise im Mitarbeiterverhältnis führen.

Das Konzept wird an vielen Beispielen dargestellt, die der Praxis entnommen sind: Mitarbeiterbesprechung, Information, Kontrolle, Stabsarbeit, Stellvertretung des Chefs und Stellenbeschreibung. Hier soll den methodischen Erörterungen im einzelnen nicht nachgespürt werden. Worum aber geht es Höhn bei seiner Konzeption im ganzen? Er sieht die Führung im Mitarbeiterverhältnis als Gegenstück zur überkommenen autoritären Führung: Er weidet sich gegen die Vorstellung, der Unternehmer könne Führung „erfühlen“ und der Industriegesellschaft angemessene Methoden einfach aus dem vermeintlich gesunden Menschenverstand entwickeln.

Im Unternehmen – so meint er –, in dem man die Verantwortung delegiere, kämen Initiative, Mitdenken und Mithandeln der Mitarbeiter besser zur Geltung; es sei den Anforderungen, die bei der Kompliziertheit des heutigen Wirtschaftslebens und der Technik an die Betriebsführung gestellt werden, eher gewachsen und besitze eine größere Sicherheit sowie eine breitere potentielle Führungsschicht. Mit der Übertragung von Verantwortung auf die unteren Führungsebenen werde erkennbar, wo wichtige Mitarbeiter vorhanden seien, und dies wiederum übe eine erhebliche Anziehungskraft auf begabte neue Mitarbeiter aus. Außerdem könnten so die Entscheidungen auf allen Ebenen sachgerechter fundiert werden, und schließlich werde mit der Verlagerung der Kompetenzen nach unten zugleich der Dienstweg wesentlich abgekürzt.

Die demokratische Gesellschaftsordnung setze den selbständig denkenden und verantwortungsbereiten Staatsbürger voraus. Der wichtigste Lebensbereich, in dem der einzelne diese Fähigkeiten entwickeln und üben könne, sei jedoch der Beruf. „Wird er hier autoritär geführt, läßt man ihn hier nicht in eigener Verantwortung handeln, dann kann man nicht von ihm erwarten, daß er auf anderen Gebieten verantwortungsbewußte Entscheidungen zu treffen vermag.“

Solche Grundsätze werden konkreter, wenn man sich in die Überlegungen und Beispiele, die Höhn gibt, im einzelnen vertieft. Sein Hinweis, mit Hilfe des Prinzips der Delegation von Verantwortung lasse sich nicht nur in der Wirtschaft besser führen, sollte durchdacht werden. Unsere öffentliche Verwaltung zum Beispiel braucht dringend eine neue Führungsmethodik, angemessene Leistungsmaßstäbe und ein der demokratischen Industriegesellschaft angemessenes Selbstverständnis. Manches von dem, was Höhn hier für den Bereich der Wirtschaft aussagt und erprobt hat, ließe sich dabei mit Sinn verwenden.

Das Buch ist als eine Art Kompendium der Wirtschaftsführung geschrieben; Probleme werden nicht im Für und Wider erörtert, sondern in Form von knappen Thesen auf die Schlußfolgerungen hin formuliert, die der Autor aus seinen eigenen Überlegungen zieht. Die Literaturhinweise des Buches fallen ein wenig zu werbewirksam aus; Reinhard Höhn zitiert lediglich Schriften, die er selber verfaßt hat. Der Originalität seiner Argumente täte es keinen Abbruch, wenn er dem Leser auch Autoren genannt hätte, die ähnlich oder anders als er darüber nachgedacht haben, wie Führung heute möglich sein kann. Ulrich Lohmar