Es war einmal ein hoher Paß in den Alpen, der zwei Länder miteinander hätte verbinden können. Tausende von friedlichen Ferienfahrern, die an anderer Stelle in kilometerlangen Schlangen nach dem sonnigen Süden kriechen mußten, hofften eines nahen Tages über diesen schönen Paß fahren zu können. Man hatte es ihnen immer wieder versprochen. Es wurde auch auf beiden Seiten des Passes eine Straße gebaut, aber es vergingen viele viele Jahre, und die beiden Straßen konnten nicht zueinander finden. Ein anachronistischer Berggeist trieb sein Unwesen...

So könnte das zeitgenössische Märchen vom Timmelsjoch beginnen, eine wundersame, wahre Begebenheit.

Nach den letzten Verlautbarungen der italienischen Straßenverwaltung soll nun der Timmelsjoch-Übergang in der zweiten Septemberhälfte dieses Jahres eröffnet werden. Es erscheint angebracht, diesen Termin jedoch nur aus Chronistenpflicht zu vermerken. Daß er Tatsache werden könnte, dazu fehlt der Glaube.

Das Timmelsjoch zwischen den Ötztaler und Stubaier Alpen ist nur 30 Kilometer Luftlinie vom Brenner entfernt; es wäre so recht geeignet, diese vollgepfropfte Hauptstrecke etwas zu entlasten. Es ist als einziger eisfreier Übergang über den Alpenhauptkamm zwischen Brenner- und Reschenpaß seit alter Zeit viel benutzt worden. Seit dem Sommer 1959 führt auf österreichischer Seite vom inneren Ötztal aus eine wohlausgebaute Asphaltstraße bis zur Jochhöhe; sie zweigt kurz vor dem Wintersportplatz Obergurgl ab, ist elf Kilometer lang, sechs Meter breit und hat eine maximale Steigung von zehn Prozent. Eine „Privatstraße“, für deren Benutzung 1,50 Mark Straßenzoll erhoben wird. Eine Sackgasse. Denn über das 2497 Meter hohe Timmelsjoch verläuft die österreichische-italienische Grenze. Schluß.

Zwar haben die Italiener von Anfang an den Anschluß zugesagt, in Wirklichkeit zeigten sie aber abwechselnd gar kein oder wenig Interesse am Übergang „Passo del Rombo“. Das Anschlußstück über Schönau und Moos nach St. Leonhard im Passeiertal, 20 Kilometer nördlich von Meran, ist teils seit den dreißiger Jahren unter Mussolini als Militärstraße fertig trassiert, teils (ab Moos) ordentlich ausgebaut. Vor nunmehr zehn Jahren waren Österreich und Italien übereingekommen, im Interesse des zunehmenden Nord-Süd-Verkehrs diese neue Hochalpenverbindung herzustellen. Archivare können inzwischen wohl ein Dutzend Meldungen hervorkramen, in denen es heißt: „Die Timmelsjochstraße vor der Eröffnung“ oder „Endlich wird die Timmelsjochstraße fertig“. Ankündigungen, die schon zwei oder sechs Jahre alt sind.

Niemand wird jemals genau von Italienern erfahren, warum trotzdem bis heute noch kein Auto über die Timmelsjoch-Hochalpenstraße fahren kann. Mal hieß es, die Militärs seien aus „strategischen Erwägungen“ gegen den Ausbau, dann lieferten Bombenexplosionen von Südtiroler „Freiheitskämpfern“ ein Argument, oder es wurde die Vermutung ausgesprochen, das Timmelsjoch-Projekt sei ad acta gelegt worden, weil finanzkräftige Kreise aus Mailand die Brenner-Autobahn via Meran durch einen bei St. Leonhard beginnenden Jaufenpaßtunnel gelegt wissen wollen.

Als im Juni dieses Jahres österreichische Fremdenverkehrsleute am Timmelsjoch standen, war das Donnern von Sprengungen, das sie auf italienischer Seite hörten, Musik für ihre Ohren, und sie glaubten versichern zu können, spätestens im August werde die Paßstraße dem Verkehr übergeben werden. Einen Monat später nannten italienische Behörden die zweite Septemberhälfte.

Sollten die hochrenommierten Straßenbauer südlich der Alpen dennoch eines Tages (oder gar noch in diesem Monat) das Projekt Timmelsjoch vollenden, wäre die kürzeste Verbindung zwischen Bayern und Meran geschaffen, ein neuer Weg in den Süden, der vor allem von gemächlicheren Autoreisenden mit Sinn und Blick für eine großartige Berglandschaft bevorzugt würde. Eine schöne Touristenstraße, gesperrt für Lastwagen. Gert Kreyssig