Der Handel mit dem gesamten Ostblock betrug im ersten Halbjahr dieses Jahres knapp vier Prozent des Außenhandels der Bundesrepublik. Wer von dieser Zahl ausgeht, könnte versucht sein, in Wirtschaftsgesprächen und Regierungsverhandlungen mit osteuropäischen oder asiatischen Ländern kommunistischer Prägung nichts anderes zu sehen als viel Lärm um nichts, wie jetzt bei dem Besuch von Wirtschaftsminister Schmücker in Rumänien. Wer vorwiegend oder ausschließlich in Zahlen denkt, dem wird sich in Verbindung mit dem Osthandel der Eindruck aufdrängen, dort werde mit Kanonen nach Spatzen geschossen. Schließlich hat die Bundesrepublik mit den Niederlanden einen Warenverkehr, der dreimal so groß ist wie der mit sämtlichen Ostblockstaaten zusammen, einschließlich der Volksrepublik China und den anderen kommunistisch regierten Ländern in Asien.

Andererseits ist aber zu bedenken, daß es eine Reihe von Ostblockstaaten gibt, deren Handel mit der Bundesrepublik sich durchaus mitdem zwischen westlichen Ländern und der Bundesrepublik vergleichen läßt. Aber davon abgesehen: Dem Osthandel kann eine über das Wirtschaftliche hinausgehende Bedeutung nicht abgesprochen werden, sobald man sich seine politische Auswirkung vor Augen hält. Hier bestehen zweifelsfrei Wechselwirkungen. Ein wachsender Warenaustausch hat seinen Einfluß auf das politische Klima und das politische Klima wiederum begünstigt oder behindert die Handelsbeziehungen.

Zur Zeit herrscht trotz gelegentlicher Ausfälle des einen oder anderen kommunistischen Regierungs- und Parteichefs eine Atmosphäre, die sowohl bessere politische als auch intensivere Wirtschaftsbeziehungen begünstigt. An der Außenhandelsstatistik läßt sich ablesen, daß der gesamte Außenhandel der Bundesrepublik in den ersten sechs Monaten dieses Jahres – Einfuhren und Ausfuhren zusammengerechnet –: um rund 9,5 Prozent gewachsen ist, der mit kommunistischen Ländern dagegen um etwa 16 Prozent. Und immer wieder werden aus einer Reihe von ost- und südosteuropäischen Ländern Wünsche laut, die Wirtschaftsbeziehungen noch stärker zu intensivieren.

Was indessen für jene Länder unbefriedigender ist als alles andere, ist die Struktur des Warenverkehrs. Die im Vergleich zur Bundesrepublik zurückgebliebene Entwicklung der Volkswirtschaft dieser Länder führte nach dem Krieg dazu, im Warenverkehr an alte Traditionen anzuknüpfen. Auf einen vereinfachten Nenner gebracht lautete die traditionsreiche Formel für den Südosten und Osten Europas: Deutschland liefert hochwertige Industrieprodukte, die Partner bezahlen mit niederwertigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Rohstoffen.

Diese Formel kann auf die Dauer schon deshalb nicht befriedigen, weil die Aufnahmefähigkeit des deutschen Marktes für eine ganze Reihe von Rohstoffen, die aus dem Osten angeboten werden, wegen des Überangebots auf dem Binnenmarkt oder auf dem Weltmarkt sehr begrenzt ist. Es sei nur an Kohle und Erdöl erinnert. Zum anderen haben die gesteigerte Leistung der eigenen Agrarproduktion in Verbindung mit zahlreichen internationalen Verpflichtungen – zu EWG und GATT – dafür gesorgt, daß der Einfuhrspielraum bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen nicht mehr groß ist.

Diesem Zustand können die Lieferländer im Osten und Südosten Europas nur entrinnen, wenn sie eine moderne Industrie aufbauen. Dazu brauchen sie die Hilfe des Westens. Trotz aller zum Teil in der Planwirtschaft begründeten Schwierigkeiten sind Fortschritte unverkennbar. So nimmt zum Beispiel im Handel der westlichen Länder mit Rumänien die Einfuhr von Erdöl und Erdölprodukten ab, während die Importe industrieller Fertigwaren zunehmen. Bei den landwirtschaftlichen Produkten hat zwar die gesamte Einfuhr der Bundesrepublik aus Rumänien von 1964 auf 1965 von 75 Millionen Mark auf knapp 100 Millionen zugenommen. Indessen liegen in diesem Bereich die größten Steigerungsraten bei besonders hochwertigen Produkten, wie bei Obst und Gemüse oder bei verarbeiteten Erzeugnissen wie bei Fleischwaren oder Konserven.

Diese Tendenzen stehen völlig im Einklang mit den Absichten der kommunistischen Wirtschaftsfunktionäre. Daß sie auch hierbei möglichst alles planen möchten, ist kaum verwunderlich, aber für den westlichen Geschäftspartner oftmals schwer zu begreifen.