Erfahrungen in einer verrotteten Industrie (III) / Von Will Tremper

Zum dritten Male geben wir hier Will Tremper das Wort, diesmal zu der Krise, in die der renommierte ATLAS-Verleih geraten ist. Es sind die Schwierigkeiten, die der Firma ATLAS jetzt zu schaffen machen, nicht die üblichen Schwierigkeiten eines üblichen deutschen Verleihs, sondern die eines Unternehmens, das es besser machen wollte.

Als das Haus fertig war, hier in Duisburg, das Europahaus, das natürlich auch ohne Geld gebaut worden ist, das große Haus, da war es doppelt so teuer geworden wie es werden sollte, und wir mußten zusehen, daß es bezahlt wurde, damals vor zehn Jahren, aber mein Vater hat sich, obwohl er schon weit über die Sechzig war, nie ein graues Haar deswegen wachsen lassen, er hat nur gesagt: Das Geschäft floriert ja, finanzieren kann ich alles, wenn ich weiß, ich hab’ morgen Gewinne. Und das ist natürlich auch die unerschütterliche Überzeugung hier, daß man sagt, man kommt aus jeder Krise heraus, wenn man Geld verdient – und wenn man ein gewisses Vertrauen hat. Beides ist da und damit ist also eine Basis da, nicht wahr ...“

Hanns Eckelkamp, Jahrgang 1927, einziger deutscher Filmverleih-Inhaber mit juristischem Staatsexamen, plaudert über die massive Krise, in die sein Erfolgsunternehmen ATLAS hineingeraten ist.

„Nichts ist gefährlicher als der Mißerfolg. Ich habe gestern hier den ganzen Verein zusammengehabt und habe meinen Leuten die Frage gestellt, also Kinder, wollen wir nun jetzt das Konzept weiterhin aufrechterhalten, die Fahne hochhalten, die Ambition um den besseren Film – oder gibt es sachliche und persönliche Gründe, das nicht zu tun? Wir haben gesagt, erstens hat es gar keinen Sinn, wenn wir heute anfangen, Wallace zu bringen, Schnulzen zu bringen, Heimatfilme, Musikfilme, also alles das, was mal erfolgreich war, oder Sittenfilme zu bringen – das können wir einfach nicht, diese Art Filme gehen bei uns auch nicht. Wenn wir heute die ‚Baroneß‘ kaufen und machen das Nackedeifilmchen davor und bringen das Ding ins Kino, dann macht das Ding nicht anderthalb Millionen Umsatz bei uns, sondern fünfhunderttausend Mark. Dafür hat kein Mensch bei uns im Haus ein Gefühl, die Firma hat das Konzept dafür nicht, die Firma hat die Leute dafür nicht...“

Die Firma, die nicht kann, was sämtliche großen deutschen Filmverleih-Unternehmen immerzu gekonnt haben, wenn es darum ging, den Publikumsgeschmack mit Süßspeisen solange zu verderben, bis auch das letzte Großmütterchen im letzten deutschen Provinznest sich in Krämpfen wandte, ist nicht, wie die anderen alle, in der „heimlichen Hauptstadt“ an der Isar zu Hause, sondern in Duisburg am Rhein, dort, wo der deutsche Schicksalsstrom am schmutzigsten fließt. Und da sie im Augenblick in einer schweren finanziellen Krise steckt, wird deutlich, daß es sich bei der Firma ATLAS um mehr handelt als eben um noch eine Krise irgendeiner x-beliebigen Filmfirma. Mit ATLAS in Duisburg steckt das einzige erfolgreiche, das einzige nennenswerte Experiment in der Krise, das bisher in Nachkriegsdeutschland unternommen wurde, um das Angebot von Filmen – nicht nur von deutschen – zu verbessern, der einzige Versuch, in einer verrotteten Industrie so etwas wie einen Sammelplatz für das Bessere zu schaffen, künstlerische Maßstäbe für die Auswahl von Spielfilmen anzulegen, wo der Begriff Kunst bisher nur Hohngelächter hervorgerufen hat, und zum erstenmal nach modernen marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ein Verleih-Unternehmen aufzuziehen, das imstande ist, dem Film von Qualität einen ihm zukommenden Anteil am Markt zu sichern.

„Ist da ein Fehler im Konzept?“ fragt sich Eckelkamp. „Oder haben wir nur Pech gehabt? Ist das eine Krise, die uns ein Jahr zu früh erwischt hat – im Zeitpunkt der beginnenden Konsolidierung des Filmgeschäfts, aber noch so, daß sie uns im vollen Engagement der Expansion getroffen hat? Oder ist das ein Fehler im System? Haben wir uns übernommen? Sind wir größenwahnsinnig geworden?“