Selten hatten die Verbündeten der Sowjetunion in Osteuropa Gelegenheit, ihrem großen Bruder in Moskau mit so viel ehrlicher Überzeugung beizuspringen wie in der Empörung über Pekings linksradikalen, antisowjetischen Fieberanfall. Überall wird in den offiziellen Äußerungen der Zentralkomitees gern bestätigt, daß es sich da schon nicht mehr um die von Lenin beschriebene "Kinderkrankheit" des Linksradikalismus handele, sondern um gefährlichen Schwachsinn. Schweigen herrscht nur in Bukarest und Warschau; dort will man auch jetzt noch nicht jene vorsichtige Politik aufgeben, die sich – aus hausinternen Gründen sozusagen – stets ein Hintertürchen in Peking offenhalten möchte.

Ist es nur der übliche Musterschüler-Eifer, der Ostberlin veranlaßt hat, die schärfsten Worte zu gebrauchen und die Chinesen rundweg des Chauvinismus, Rassismus und der "niederträchtigsten Verleumdung" zu bezichtigen? Oder war es die heftige Empörung darüber, daß der DDR-Militärattache mit Frau und sechsjährigem Kind in Peking überfallen und von hysterischen Rotgardisten übel zugerichtet worden war? Die Protestnote, die das Ostberliner Außenministerium dieses Falles wegen an Peking adressierte, war freilich eher milde: man könne "nicht umhin", auf einen ähnlichen Vorfall vom April hinzuweisen. Mit "Befremden" quittierte die Note die Tatsache, daß ein Hauptabteilungsleiter im chinesischen Außenministerium den Überfall auf die – diplomatisch immunen – DDR-Bürger "obendrein zu rechtfertigen versuchte".

Wirklich heftige Gefühlsaufwallungen zeigten sich im Zentralorgan der SED erst, als am gleichen Tage, an dem die DDR-Protestnote dem chinesischen Botschafter überreicht wurde, in Peking die "Volkszeitung" zu einem Schlag ausholte, der die DDR politisch viel empfindlicher treffen mußte: Zum erstenmal seit vielen Monaten griffen nämlich die chinesischen Kommunisten wieder ihre These auf, die Sowjetführer übten "Verrat an den Interessen der DDR", indem sie in Europa Beschwichtigungspolitik trieben; sie hätten eine Art stillschweigenden Übereinkommens mit Washington erreicht, um die Lage in Europa einfrieren zu lassen und Amerika den Vietnamkrieg zu ermöglichen. Noch deutlicher hatten das die Albaner, Chinas Verbündete, in ihrer Protestnote gegen die Bukarester Juli-Konferenz der Warschauer-Pakt-Länder präzisiert: Statt, wie ursprünglich verabredet, die "Westberlin-Frage zu regeln" und einen Friedensvertrag "nur mit der DDR" zu schließen, habe die Bukarester Erklärung "die DDR sich selbst überlassen, sie und das deutsche Volk verraten und die Expansionspolitik der Bundesrepublik ermutigt".

So überspannt und grotesk diese Vorwürfe klingen, Moskau und besonders Ostberlin können sich ihnen gegenüber nicht gleichgültig verhalten. Denn schließlich bergen die Vorwürfe – gemessen an den politischen Zielen der Chruschtschow-Jahre – bittere Körner von Wahrheit. Falls man in Peking freilich hoffen sollte, diese Saat könne je aufgehen und in der DDR "den chinesischen Weizen zum Blühen bringen", so irrt man sich. Und die Behandlung des DDR-Militärattachés in Peking (zwei Tage vor dem um Ostberlins Interessen so besorgten Leitartikel der "Volkszeitung") konnte nur als Hagelschauer wirken. War das schlechte Synchronisierung bei den Chinesen oder ein Einfall besonders abstruser Dialektik?

Die Versuchung, mit der DDR-Karte gegen Moskau zu spielen, ist in den Pekinger Parteizirkeln immer gegenwärtig. Aber es wäre falsch, wollte Bonn daran irgendwelche politischen Hoffnungen – etwa auf ein Zerwürfnis zwischen Ostberlin und Moskau – knüpfen. Die Folge all dieser chinesischen Spielereien ist nämlich nur, daß sich die DDR noch heftiger als alle anderen antichinesisch gebärden und sich den sowjetischen Freunden – mit denen sie manche sachlichen Differenzen zu klären hat – ideologisch empfehlen muß. Gerade diese jüngsten Vorgänge zeigen, daß für die Regelung der deutschen Frage weder Bonn noch Ostberlin Hilfe aus Peking zu erwarten haben.

Hansjakob Stehle