Von Friedrich Andrae

Erich Lüth: Hamburgs Schicksal lag in ihrer Hand. Geschichte der Bürgerschaft. Marion von Schröder Verlag, Hamburg; 293 Seiten, 24,80 DM

Als am Nikolaustag des Jahres 1859 die neugewählten Mitglieder der Bürgerschaft, des Parlaments der Freien und Hansestadt, sich im Gebäude der „Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Manufakturen, Künste und nützlichen Gewerbe“, kurz die Patriotische Gesellschaft genannt, unter dem Präsidium des noch in England geborenen Schiffsreeders Robert Miles Sloman versammelten, begann ein neuer Abschnitt im Verfassungsleben der alten Stadtrepublik: Auf älteren demokratischen Traditionen fußend, „hervorgerufen durch die öffentliche Meinung und die Tendenzen der Zeit“, markiert diese Eröffnungssitzung der gewählten Bürgerschaft den eigentlichen Beginn der Bürgerdemokratie.

„Die Augen von Deutschland“, rief der 76jährige Alterspräsident den Abgeordneten zu, „sind auf uns gerichtet – lassen Sie uns zeigen, daß wir mündig, daß wir fähig sind, unsere Angelegenheiten mit Selbstbeherrschung zu übernehmen und daß wir unsere bürgerliche Freiheit mit Klugheit und Mäßigkeit zu gebrauchen wissen.“

Zum hundertjährigen Jubiläum hatte Erich Lüth, zu der Zeit noch Pressechef des Hamburger Senats, die Geschichte dieser Bürgerschaft in mehreren Fortsetzungen für eine Hamburger Tageszeitung geschrieben; zusammen mit einer ähnlichen Serie über Leben und Wirken des langjährigen Bürgerschaftspräsidenten Schönfelder legt er sie nunmehr als Buch, reichlich illustriert, vor. Nicht als Historiker, als wissenschaftlicher Erforscher parlamentarischer Vergangenheit, vielmehr als politisch aktiver Bürger, der selbst einmal vor mehr als dreißig Jahren Abgeordneter in diesem Gremium war, will der Verfasser erzählen, locker und allgemein verständlich, nicht für die Fachleute, sondern für die Mitbürger, die alten und die jungen, ja vor allem die jungen Hamburger, die die Tradition einmal fortführen sollen. Interesse galt es zu wecken für eine ehrwürdige, ganz und gar lebendige und keineswegs verstaubte politische Einrichtung und ihre Vergangenheit, in der es große Stunden, aber auch böse Zeiten gab, Licht und Schatten.

Vollständigkeit war nicht das Ziel, Auswahl schien geboten danach, was Gewicht hatte und was typisch war. So entstand die Geschichte einer Institution als die Geschichte ihrer bedeutendsten Repräsentanten, biographische Erzählung also in erster Linie, Porträtgalerie großer Hamburger Bürger. Für die Zeit nach 1918 kann der Autor eigene Eindrücke und Erlebnisse beisteuern; als Parlamentsberichterstatter, dann Mitglied der Bürgerschaft, nach dem Zweiten Weltkrieg als Senatspressechef ist er lange Jahre Augenzeuge gewesen.

Der letzte, fast die Hälfte des Bandes umfassende Teil, ist eine Lebensgeschichte Adolph Schönfelders, der – großer Bürger dieser Stadt, verehrt und geachtet wie wenige Politiker unserer Zeit – in diesem Jahr im hohen Alter gestorben ist. Dieser Lebensbericht ist weitgehend autobiographisch: Lüth hat Schönfelder 1960 „interviewt“, hat ihn aus seinem Leben erzählen lassen, das Erzählte auf Tonband festgehalten und hier, mit anderem Material verarbeitet, publiziert, Biographie an Stelle einer echten Autobiographie, aber, so möchten wir meinen, in dieser Form nur ein vorläufiger Lebensbericht.