Der Autor, Professor Dr. Fritz Wölcken, lehrt an der Universität München.

Die Schule, wie sie uns heute entgegentritt, mit allgemeiner Schulpflicht, mit Schulhäusern, in denen die gesamte jugendliche Bevölkerung Platz findet, mit einer kleinen Völkerwanderung zu Beginn und Ende der Schulstunden, ist noch nicht einmal zehn bis zwölf Generationen alt. Das Lernen und Lehren hingegen ist ebenso alt wie die Menschheitsgeschichte mit ihren Tausenden von Generationsfolgen.

Gerade der „Fernunterricht“, wenn man von der Beziehung zur modernen Schule absieht, gehört zu den ältesten Erscheinungen der Kultur. Auf den Wanderungen der Ewe-Neger kennzeichnet der Führer den richtigen Weg, indem er auf die falschen Seitenwege Gras oder Blätter streut oder mit einem Stock einen den Weg sperrenden Querstrich zieht. Der Nachfolgende „lernt“ auf diese Weise, was ihm ein ferner „Lehrer“ mitteilen will. In der Epoche des „Mittleren Reichs“ in Ägypten, mehr als tausend Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung, entstand ein noch heute in mehreren Abschriften erhaltenes „Lehrbuch für die Kenntnis, für die Unterweisung des Unwissenden, für das Lernen aller Dinge, die es gibt“, und aus derselben Zeit sind uns auch schon mathematische Aufgaben, ärztliche Krankheitsbeschreibungen und Lehrdiagnosen erhalten. Kurz, jede Aufzeichnung, selbst vor der Erfindung der Schrift, durch die Raum oder Zeit überbrückt werden sollen, ist ein „Fernunterrichtswerk“. Jedes Lehrbuch ist im Grunde auch ein „Fernunterrichtswerk“, und wenn es sich uns heute so darstellt, als ob der Fernunterricht das Buch aus der Schulstube geholt und auf den eigenen Schreibtisch (oder abgeräumten Küchentisch) des Lernenden gelegt habe, so ist es doch eigentlich umgekehrt: die Schule hat das als Fernunterrichtswerk längst bewährte Buch in die Klasse geholt.

Vom Schul- und Hochschulunterricht hat hingegen der heutige Fernunterricht den größten Teil des Lehrstoffes und zunächst auch die Methoden übernommen. Was aber der Lehrer in der Klasse durch Intuition und in der lebendigen Entwicklung des Unterrichts ergänzen und abrunden konnte, das mußte der Fernunterricht von Anfang an in das Lehrwerk und die Lehrmethode selbst hineinlegen. So wurde der Fernunterricht sehr viel nachdrücklicher als die Schule auf die Frage nach den Formen und Bedingungen des Lernens hingewiesen. Er konnte sich nicht damit zufriedengeben, ein Lernziel aufzustellen und es dann dem Lehrer überlassen, seine Schüler dem Lernziel zuzuführen; der Fernunterricht war Selbstunterricht und mußte dem Schüler mit dem Lernziel auch den Weg dorthin geben. Keine pädagogische Begeisterungsfähigkeit konnte den Schüler auch auf einem schlecht geplanten Weg zum Erfolg führen; der Erfolg hing wesentlich davon ab, ob das Fernunterrichtswerk einen sach- und lerngerechten Weg genau genug erarbeitet hatte und dem Schüler anbieten konnte. Die Lernschritte des Schülers mußten genauer untersucht werden, sie mußten aufgegliedert und in möglichst kleine Einheiten gefaßt werden, deren Zusammenhang, auch ohne die sympathische Nachhilfe eines anwesenden Lehrers, einen logisch zwingend zusammenhängenden Fortschritt ergab. Um das moderne Wort zu verwenden: der Fernunterricht muß sehr viel genauer „programmieren“ als der Lehrerunterricht.

Die moderne Forschung untersucht also Lernmethoden, wie sie gerade der Fernunterricht entwickelt hatte – notwendigerweise entwickeln mußte. Aber sie untersucht diese Methoden weit gründlicher und umfassender, als es die schmale wirtschaftliche Grundlage der Fernunterrichtsunternehmen je erlaubt hätte. Auf welche Weise der Schüler lernt – Vokabeln, mathematische Formeln, Zusammenhänge – auf welche Weise der junge Schüler lernt, der Vierzehnjährige, der Erwachsene – all das ist der Forschungsgegenstand von ungezählten Versuchsreihen in den Instituten und Laboratorien der westlichen wie der östlichen Welt. (Man denke etwa an das zweibändige Werk von Professor Dr. Carel F. van Parreren, „Psychologie des Lernens“.) Der Fernunterricht hat, aus seiner Situation heraus, „Lernmaschinen“ entwickelt, ehe Schule und Öffentlichkeit daran dachten. Fritz Wölcken

Verantwortlich f. Schulbeilagen-Text: A. Rost.