Von Ferdinand Ranft

Eßhof

Auf der kleinen Dorfstraße lag die morgendliche Spätsommersonne. Kein Mensch war zu sehen. Nur aus dem offenen Fenster des Schulhauses am Dorfeingang drangen Stimmen. Ein paar Blockflöten mischten sich zwischen Kinderkehlen: "Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus..." Die Sängerschar war klein: fünf Buben und vier Mädchen. Sie bilden zusammen mit ihrem Lehrer die Belegschaft der Volksschule Eßhoff. Von den 622 Zwergschulen in Nordrhein-Westfalen ist sie die kleinste. Die Waldarbeiter-Gemeinde Eßhoff mit ihren 15 Häusern und 72 Einwohnern sucht man auf den Landkarten vergebens. Ihr Name findet sich in keinem Eisenbahnfahrplan; auch die Omnibus-Linien nehmen von Eßhoff keine Notiz. Wer in der acht Kilometer entfernten Kreisstadt Brilon zu tun hat, muß selber sehen, wie er hinkommt. Im Winter – wenn sich auf den Sauerlandhöhen die Skifahrer tummeln – ist Eßhoff oft mehrere Tage lang völlig eingeschneit. Dann stellt die öffentliche Fernsprechzelle im Wohnzimmer des Bürgermeisters die einzige Verbindung zur Außenwelt dar.

Jeden Mittag kommt der Postbote vorbei und leert den Dorfbriefkasten. Was er mitbringt, ist nicht viel: acht Zeitungen, ein paar Rundfunkzeitschriften, das Diözesanblatt und ab und zu einen Brief. In Eßhoff gibt es keine Kirche, kein Geschäft, keine Gastwirtschaft und kein Kino. Wer abends von der Arbeit nicht müde ist, sitzt vor dem Fernsehschirm. Lediglich bei zwei Familien flimmert noch keine Mattscheibe. Dafür waschen alle Eßhoffer Frauen ihre Wäsche noch mit der Hand. Zwei Eßhoffer machen sich ab und zu auf den drei Kilometer langen Weg nach Altenbüren, um ein Buch aus der Pfarrbücherei zu holen. Nur am Sonntagfrüh gerät das Dorf in Bewegung. Eine ganze Autoprozession – jede Familie hat einen Wagen – rollt in Richtung Altenbüren. Die Eßhoffer stehen mit dem Pfarrer zwar auf keinem guten Fuß, aber eine Viertelstunde vor Beginn der Messe sind sie doch alle da.

Allenfalls das jährliche Schützenfest bringt noch Abwechslung in das dörfliche Einerlei. Zwei Tage lang wird von früh bis spät in die Nacht hinein getanzt. "Da darf das Jugendamt nicht dazwischengucken!" Sonst aber wissen die jungen Burschen nicht, wie sie ihr Geld, ausgeben sollen. Sie fahren mit den Autos der Eltern planlos in die Umgebung. Der; Lehrer kennt ihre Gewohnheiten: "Die reden nicht viel. Da geschieht einfach gar nichts. Einer fängt an zu trinken, und den Eltern ist es egal." Die sieben Gemeinderatsmitglieder sind alle miteinander verwandt und gehören der CDU an. Meist stehen nur zwei Tagesordnungspunkte zur Diskussion: Wegebau und Wasserleitung. Bei der letzten Landtagswahl gab es im Dorf 14 SPD-Stimmen. Lehrer Vogt weiß ziemlich genau, "wer das alles ist". So leben die 72 Eßhoffer in einer seltenen Mischung von Abgeschiedenheit, Rückständigkeit und Aufgeklärtheit. Auch in Zukunft wird sich daran nicht viel ändern, denn das Dorf kann nicht mehr wachsen, die Gemeinde hat kein Land.

Lehrer Vogt bemüht sich auf seine Weise, die Eßhoffer Kinder mit der Welt vertraut zu machen. Er unterrichtet sechs Jahrgänge gleichzeitig. Sieben Kinder sitzen in dem freundlichen Klassenzimmer jahrgangsweise an vier kleinen Tischen. Das 2. und 3. Schuljahr ist in einem Nebenraum placiert. Beide Kinder lesen laut aus ihrem Lesebuch, das Tonband schneidet mit. "Diese Methode ersetzt mir einen Lehrer. Hinterher kontrollieren wir dann gemeinsam." Die anderen Kinder haben einen Stadtplan von Köln vor sich liegen. Man vergleicht die Großstadt mit dem Dorf, sucht auf der Karte nach Sehenswürdigkeiten. In den nächsten Tagen ist eine zweitägige Fahrt in die Domstadt geplant. Die angekündigten Bilder von Köln können allerdings nicht gezeigt werden, denn das Epidiaskop ist kaputt.

Daraus allerdings den Schluß zu ziehen, in der Eßhoffer Schule sei es mit den Lehrmitteln schlecht bestellt, wäre ein Irrtum. Der ganze Stolz von Lehrer Vogt ist eine komplette Ton-Film-Anlage. Die Filme kommen von der Kreisbildstelle und ergänzen den Erdkunde-, Religions-, Natur- und Heimatkunde-Unterricht. Sogar ein Aufklärungsfilm wurde mit Zustimmung der Eltern vom 4. Schuljahr an gezeigt. Für den Musikunterricht gibt es ein Radio nebst Plattenspieler. Geturnt wird entweder im Klassenzimmer – "da räumen wir die Tische und Stühle raus und legen Matten rein" – oder auf dem Schulhof. "Jeden Morgen machen wir das Fenster auf und üben Rumpfbeugen." Ab und zu fährt die Schule mit dem Wagen des Försters in die Altenbürener Turnhalle oder ins nächste Schwimmbad. Einmal in der Woche wird der Pfarrer aus Altenbüren mit dem Auto zum Religionsunterricht abgeholt. Das evangelische Flüchtlingskind nimmt der Einfachheit halber an seinen Stunden teil. "Wir haben ihm ein evangelisches Lehrbuch besorgt. Es macht sein Kreuzzeichen immer links, aber ich sage ihm natürlich nichts."