Von Karl Adam

Seit 1962 wird in der Halbzeit zwischen zwei Olympischen Spielen, also in vierjährigem Abstand, eine Weltmeisterschaft im Rudern ausgetragen, während in den restlichen Jahren Europameisterschaften stattfinden. Bei der ersten Weltmeisterschaft in Luzern im Jahre 1962 gewannen westdeutsche Boote fünf von sieben möglichen Goldmedaillen. Nur eine dieser Weltmeisterschaften konnte 1966 mit Erfolg verteidigt werden, allerdings die begehrteste, die im Achter. Es ist das siebte Mal in acht Jahren, daß ein in Ratzeburg trainierter, westdeutscher Achter eine internationale Meisterschaft gewann. Die einzige Unterbrechung dieser Serie trat 1961 ein, als der Berliner Ruderclub die deutschen Farben vertrat. Der Achtererfolg des Jahres 1966 wurde mit für westdeutsche Verhältnisse ungewöhnlich hohem materiellen Aufwand und gegen heftigen, ja leidenschaftlichen Widerstand im eigenen Lager erzielt.

Als der erfolgreiche Vorjahresachter, Henley-Sieger und Europameister, Renngemeinschaft Ratzeburg-Lübeck, sich am Saisonende auflöste, fanden sich acht Ruderer, die auf Initiative von Michael Schwan aus dem starken, aber glücklosen Vierer ohne Steuermann des Vorjahres die Nachfolge antreten und in Ratzeburg trainieren wollten. Michael brachte aus seiner alten Mannschaft den starken Lutz Ulbricht aus Frankfurt mit, dazu kamen aus dem alten Achter die Ratzeburger Meyer und Schreyer und vor allem der vollständige Europameisterschaftszweite im Vierer mit Steuermann, die Berliner Renngemeinschaft aus drei Spandauer Vereinen. Diese Mannschaft war von Dr. Hans Lenk ausgebildet worden, dem Bugmann des Kieler-Ratzeburger Achters, der bei den Olympischen Spielen in Rom gewann. Sie ruderte darum völlig ratzeburgisch und war für einen solchen Plan besonders gut geeignet. Das Projekt schien Erfolg zu versprechen, Dr. Wülfing wurde als Förderer gewonnen, ich sagte meine Mitwirkung zu, Hans Lenk erbot sich, trotz starker Belastung durch seine Habilitation, das Training der Berliner Gruppe weiter zu leiten. Die Hauptschwierigkeiten lagen darin, daß die Mannschaftsmitglieder in Frankfurt, Karlsruhe, Hannover, Hamburg und Berlin wohnten und in Ratzeburg trainieren wollten. Nun ist das Verfahren des „Ferntrainings“ in Ratzeburg seit Jahren erprobt, obwohl es vor noch nicht allzu langer Zeit als unmöglich galt. Es besteht darin, daß die Mitglieder eines Achters ihr Trainingsprogramm für die Woche mitbekommen und es zu Hause im Kleinboot durchführen, während sich am Wochenende alle zu gemeinsamem Achtertraining in dem hervorragend guten Ratzeburger Revier treffen. Doch waren diesmal die Entfernungen und damit die Fahrkosten erheblich größer.

Die finanziellen Fragen ließen sich regeln durch Beteiligung der Vereine und durch Spenden, die zum großen Teil von Dr. Wülfing hereingeholt wurden. Aber die eigentlichen Schwierigkeiten begannen erst. Fanatische Berliner Lokalpatrioten, denen ein national überlegener Berliner Achter wichtiger war als ein international konkurrenzfähiger westdeutscher unter Berliner Beteiligung, entfesselten eine Kampagne gegen den Plan, die mit allen Mitteln arbeitete; Pressefeldzug, Stellung von Berliner Sportförderungsmitteln; man versuchte Hans Lenk als Trainer kalt zu stellen und seine Mannschaft dem Berliner Traineridol Walter Volle in die Hand zu spielen. Sogar der Sportsenator Neubauer wurde aufgeboten, um die Ruderer an ihre national-berliner Pflichten zu erinnern.

Neben all diesen Schwierigkeiten gab es auch sportlich einen empfindlichen Rückschlag, als der norddeutsche Achter bei der großen Regatta in Luzern fünftes Boot wurde. Ein tschechischer Trainer fragt mich in Bled, ob das wirklich derselbe Achter gewesen sei. Rückschauend kann man feststellen, daß die Niederlage nötig war, um der Mannschaft und ihrem Trainer, die durch leichte Angriffserfolge übermütig geworden waren, die richtige Selbsteinschätzung zurückgeben. Der Wiederaufbau der Mannschaft ging planmäßig vonstatten, die letzte Politur gab ihr das Höhentraining auf dem Silvretta-Stausee, das Dr. Heß, der junge Präsident des Deutschen Ruderverbandes, ermöglichte. Diese Unternehmung, die von voreiligen Pressemeldungen als völliger Fehlschlag hingestellt wurde, hatte folgende praktischen Ergebnisse:

1. Die Höhenakklimatisation, die für den Start bei den Olympischen Spielen in Mexico City notwendig ist, läßt sich auch bei den ungünstigsten Wetterbedingungen innerhalb von zehn Tagen in den Alpen so weit durchführen, daß die Trainingsleistung im Rudern von der unter normalen Bedingungen nicht mehr zu unterscheiden ist.

2. Die Wettkampfleistung unter Normalbedingungen ist in den ersten Tagen nach Rückkehr aus der Höhe deutlich besser.