Von Erwin Lausch

Betty S., die Tochter eines New Yorker Fernsehautors, war 14 Jahre alt. Aber sie hatte die Größe eines höchstens achtjährigen Mädchens. Sie maß 125 Zentimeter. In den letzten fünf Jahren war sie nur zehn Zentimeter gewachsen. Die Eltern fürchteten, ihre Tochter würde zwergenhaft klein bleiben.

Zwei New Yorker Ärzten, Dr. William H. Kammerer und Dr. Peter E. Stokes, verdankt es Betty, daß sie diesem Schicksal entging. Den beiden Medizinern gelang es, das gebremste Wachstum des Mädchens kräftig anzuregen. In den ersten 18 Monaten der Behandlung schoß Betty 20 Zentimeter empor.

Das Geheimnis des plötzlichen Wachstumsschubes Die Ärzte hatten dem Mädchen menschliches Wachstumshormon eingespritzt. Betty, über deren Behandlung ihre Ärzte 1962 auf einem Kongreß in Chikago berichteten, war eines der ersten Kinder, an dem sich die segensreiche Wirkung einer solchen Hormonkur erwies.

Letzte Woche diskutierten Mediziner in Berlin über das menschliche Wachstumshormon. Auf der diesjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde berichteten Hormonforscher aus Berlin, Zürich und Stockholm über erfolgreiche Behandlungen mit dem Wachstumshormon.

Das Wachstum wird von einer erbsengroßen Drüse reguliert, die fast genau in der Mitte des Kopfes wie ein Tropfen unter dem Gehirn hängt. Sie heißt daher "Hirnanhangdrüse" oder "Hypophyse" (diese Bezeichnung wurde aus den griechischen Wörtern hypo = unter und phyomai = wachsen zusammengesetzt). Andreas Vesalius, der Begründer der modernen Anatomie, beschrieb die Hypophyse bereits 1543 in seinem siebenbändigen Medizinischen Atlas. Ihre Bedeutung erkannte er freilich nicht.