Von Egon Kaskeline

Tel Aviv, im September

Nichts zeigt deutlicher, daß Israel an einem Wendepunkt seiner Entwicklung angekommen ist, als der Wechsel in seiner politischen Führung. Es ist kein Zufall, daß der romantische Kämpfer David Ben Gurion, der Held des israelischen Befreiungskrieges, abtreten mußte und an der Spitze einer kleinen Splittergruppe zur Machtlosigkeit verurteilt ist. An seine Stelle ist der gemäßigte Levi Eschkol getreten, als dessen Hauptstärke seine Fähigkeit gerühmt wird, „die Bedürfnisse der verschiedenen Arbeiter- und Unternehmergruppen mit der Notwendigkeit des nationalen Fortschritts und der Stabilität in Einklang zu bringen“.

Beide Männer entstammen der gleichen Generation ostjüdischer Pioniere, denen das Entstehen des Staates Israel zu verdanken ist. Beide sind von Anfang an „dabeigewesen“. Aber Eschkol hat lange im Schatten des Größeren gestanden. Er ist ein Mann des „Apparates“, ein hervorragender Verwalter, ein Mann mit großer wirtschaftlichen Erfahrung, der zum Beispiel in der Haganah (der geheimen jüdischen Verteidigungstruppe) den Aufbau einer Rüstungsindustrie beziehungsweise die Beschaffung ausländischen Kampfmaterials übernahm.

Vielleicht nicht weniger bedeutsam und charakteristisch ist, daß nun auch Ben Gurions lebenslanger Gegner Menahem Begin, im Befreiungskrieg Gründer und Kommandeur der Haganah-Konkurrenz-Armee Irgun und später Leiter der rechtsradikalen Heru Partei, aus dem politischen Leben Israels ausgeschieden ist. Grund für den Rücktritt des bisher in den Reihen seiner Partei, der zweitgrößten in Israel, unbestrittenen „Führers“ ist die Verwerfung der Grundthesen seines Programms auf dem Parteikongreß: Abbruch aller Beziehungen mit Deutschland, Kampf für einen israelischen Staat auf beiden Seiten des Jordanflusses. Die Herut ist der Opposition müde und will Regierungspartei werden. Dazu muß sie Verbündete finden und mit realistischen Parolen vor die Öffentlichkeit treten.

Viele unter den alten Kämpfern in Israel trauern über den Sturz dieser beiden charismatischen Führerpersönlichkeiten. Aber die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung zieht es vor – das hat die eklatante Wahlniederlage Ben Gurions eindeutig gezeigt –, an ihre Stelle weniger dynamische, aber, ausgeglichenere. Politiker zu stellen. Israels politisches und wirtschaftliches Leben normalisiert oder – wenn man will – verbürgerlicht sich, so weit das in einem Lande möglich ist, das die Feindschaft seiner arabischen Nachbarn in ein dauerndes Heerlager verwandelt hat. Aber auch in Israel zeigt sich, daß „Begeisterung keine. Heringsware ist, die man jahrelang einpökeln kann“. Menschen, die fast 20 Jahre lang in der Spannung gelebt haben, haben heute das Bedürfnis nach Sicherheit, Wohlstand und Frieden.

Sicherlich hat zu dieser Wendung auch die veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung beigetragen. Die idealistischen Pioniere, die heute noch zum großen Teil in den kollektiven Landwirtschaftsbetrieben, den Kibbutzim leben, die Zionisten, für die die Auswanderung nach Israel einen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg bedeutete, sind heute eine Minderheit geworden. Diese Männer und Frauen waren meist Juden aus den Ländern Zentraleuropas und des europäischen Ostens. Heute sind über 60 Prozent der Bevölkerung entweder „Sabras“, im Lande geborene Juden, oder „Sephardim“, Einwanderer aus Asien und Afrika, die dort zu den untersten Klassen der Bevölkerung gehörten. Für sie bedeutet bereits das heutige Israel einen großen sozialen Aufstieg, den sie fortsetzen wollen.