Hamburg

Hamburg sollte am ersten Sonnabend im September auf dem Fischmarkt, wo man sonst jeden Sonntagmorgen mit Gesang und ohne Hemd hauptsächlich Fische, Geflügel, Würste, Wild, Vögel, Haustiere und Textilien billig einkaufen kann, endlich auch seinen Flohmarkt haben. Die Veranstaltung hieß "Fischmarkt für alle". Die Sonne schien, und auf der Großen Elbstraße mit ihren alten Fischhallen und Schuppen, den Speichern und Kellern drängelten sich 250 000 Besucher.

Ich fragte den Besitzer einer Würstchenbude, dessen Finger so fettig und rot waren wie die Schinkenwürste auf dem Rost, wo eigentlich der Flohmarkt sei. Er hatte noch nichts von ihm gehört, aber bereits 500 Mark in der Kasse. Ein paar Schritte weiter verkaufte ein Schreihals Aale von seinem Lieferwagen herunter, große Aale. Bananen flogen durch die Luft. Neben einem abgestoßenen Handkoffer, in den er Bücher gelegt hatte, wartete ein Student; die Leute blickten auf seinen Bart und nicht in den Koffer. Hinter einem schmalen Brett mit einem Dutzend Topfpflanzen standen zwei Herren; sie sahen aus, als schwärmten sie für alles Duftig-Schmiegsame, Heiter-Sprießende, Lustvoll-Verstrickte; ihre Preise lagen weit unter dem Marktwert. Sie hatten die Pflanzen selbst gezüchtet.

Plötzlich entdeckte ich in etwa fünfzig Meter Entfernung eine Pickelhaube und brauchte zwanzig Minuten, um sie aus der Nähe betrachten zu können. Die Figur darunter war in den Rock eines Artilleristen gezwängt. Jemand sagte: "Ich glaube, das ist der ehemalige Lesemappenvertreter Sauber, Liebhaber von alten Puppen, Grammophonen und allem, was zu Napoleon gehört." Er betreibt jetzt einen Laden, den er "Rumpelkammer" nennt. Herr Sauber verkaufte gerade eine Handtasche mit Elfenbeinbügel, riß sich die Pickelhaube vom Kopf und rief: "Das geht wirklich nicht billiger, sie kostet 20 Mark und ist reiner Jugendstil." Aus seiner Tasche zog er zwischendurch Eiserne Kreuze, das Stück zu drei Mark, mit Hakenkreuz fünf Mark. Für eine Biedermeier-Sparbüchse bekam er freiwillig fünfzig Mark. Aufgeregt drehte er an einer Handorgel, wie sie vor etwa hundert Jahren Kriegsinvaliden, die kein anderes Einkommen hatten, gestiftet worden war. Ein Mann mit einer Seglermütze machte ein Gebot auf die Orgel. Fast geschenkt wollte der sie haben, doch Sauber verneinte stolz.

Eine Dame erstand eine Jugendstilvase und versuchte, sie mit erhobenen Armen in Sicherheit zu bringen. Sie solle die Vase lieber ganz fest an ihre Brust drücken, sagte eine andere Dame und machte es ihr mit einer Porzellantasse vor. Die Damen kamen jedoch kaum von der Stelle; der Dame mit der Tasse flog eine Banane an den Kopf.

Auf einem Hocker gegenüber saß ein Mann mit Zylinder und bewachte eine Gardeuniform, die über einem Ständer hing. Er hatte nicht das Gesicht für einen Zylinder. Der Mann sagte, daß er bei der Marine gedient hätte und nun seinen Zylinder verkaufen wolle. Einer bot alte Schlachtermesser an und schwang das längste in der Luft, als wollte er blindlings in die Hüte und Luftballons, in die Juchzer und Seemannslieder, die aus einer Schaubude drangen, hineinstechen. Er verkaufte seine Messer und holte danach Kaffeemühlen aus einem Sack. Ich durfte nachsehen, was noch alles in dem Sack war; obenauf lagen Bananen.

Die meisten Leute kamen bei dem Gedränge gar nicht bis zum Flohmarkt. Er spielte sich auch nur auf höchstens 40 Quadratmetern ab. Die meisten Leute kauften entweder große Aale oder Bananen. Am Ende der Großen Elbstraße, Richtung Landungsbrücken, drehte ein Orgelmann "La Paloma". Er sagte, daß er lieber auf dem Flohmarkt gespielt hätte, aber sein Instrument wäre noch neuwertig, und ein richtiger Flohmarkt müsse für sich selber sprechen.

Ben Witter