Von Theo Löbsack

Die Medizin ist Wegbereiterin derselben Krankheiten, die sie zu heilen versucht. Die Krankheiten, um die es hier geht, sind die Erbleiden. Sie vermehren sich in Besorgnis erregendem Ausmaß; aber davon will man in Deutschland nicht viel wissen. Die Erörterung dieses Problems wird vermieden, weil es Erinnerungen an die Zeit des Dritten Reiches weckt und in konfessionell gebundenen Kreisen ein unerwünschtes Thema ist.

Warum nehmen die Erbkrankheiten heute zu? Früher, als die Menschen noch weniger zivilisiert lebten als heute, waren sie stärker jenem Konkurrenzkampf in der Natur ausgesetzt, der bei den wild lebenden Tieren noch heute dafür sorgt, daß diejenigen die größten Überlebens- und Fortpflanzungschancen haben, die sich am besten an die Umweltverhältnisse angepaßt haben. Das wissen wir seit Darwin. Ebenso bekannt ist, daß die weniger gut Angepaßten entweder schwer um ihr Dasein kämpfen mußten oder an der Fortpflanzung gehindert wurden, weil sie vorzeitig starben. Der Daseinskampf bewirkte eine Auslese, bei der die erblich besser ausgestatteten Vertreter dank ihrer vorteilhafteren Eigenschaften leichter überlebten und mehr Nachkommen hatten als andere, die dahinkümmerten oder starben.

Unser Kampf ums Dasein findet sozusagen im Saale statt. Er ist in den Jahrhunderten entschärft worden; andere Eigenschaften als Kraft, Mut und scharfe Sinne sind heute in den Rang von Auslesevorteilen erhoben. Dank Wissenschaft und Technik wurden die biologischen Qualitäten im Sinne der Auslese abgewertet. Aber wir tun noch ein übriges: Wenn früher die Natur dafür sorgte, daß Menschen mit erblichen Gebrechen entweder schon im Kindesalter starben oder – wenn sie überlebten – nur geringe Fortpflanzungschancen hatten, so überleben heute dank der medizinischen Kunst immer mehr erbkranke Menschen, die früher unweigerlich dem Tode geweiht gewesen wären. Sie überleben nicht nur, sie können ihre nachteiligen Erbanlagen auch an ihre Nachkommen weitergeben. Auf diese Weise breiten sich die Erbkrankheiten immer weiter aus. Man kann geradezu von einem „Hydra-Effekt“ der modernen Heilkunst sprechen: Je mehr Symptome von Erbkrankheiten äußerlich beseitigt werden, ohne daß man ihre Wurzel, die kranken Anlagen, „heilt“, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß diese Krankheiten in späteren Generationen wieder auftauchen.

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Dazu einige Beispiele: Eines dieser Leiden ist die Phenylketonurie, eine Stoffwechselanomalie, kurz PKU genannt. Sie beruht auf der blockierenden Wirkung eines rezessiven Gens, das die Umwandlung von Phenyl-Alanin in Tyrosin verhindert. Die Folge ist eine Unterentwicklung der geistigen Fähigkeiten. 63 Prozent der Kranken werden zu Idioten mit einem Intelligenzquotienten unter zwanzig, bei nur 2,5 Prozent liegt er über sechzig. Bei rechtzeitiger Einnahme einer phenyl-alanin-armen Diät und bestimmter Behandlung wird der Schwachsinn verhindert. Die Träger des Erbleidens können dann zu geistig vollwertigen Menschen heranwachsen. Die unbeabsichtigte Mitgift der heilenden Diät aber ist, daß durch sie auch die Fortpflanzungsmöglichkeiten der Patienten erhöht werden und alle ihre Kinder das krankhafte Gen erben.

Wie intensiv die PKU heute bekämpft wird, zeigt das Beispiel der Kinderklinik Marburg, die mit Unterstützung des Gesundheitsministeriums eine zentrale Untersuchungsstelle in Wiesbaden eingerichtet hat, in der Blut- und Harnproben von Säuglingen aus dem Bundesland Hessen untersucht werden. So kann jeder Fall sofort erkannt werden, den gefährdeten Kindern bleibt durch eine geeignete Diät das Schicksal der Verblödung erspart. Nach den guten Erfahrungen in Hessen wollen nun auch andere Bundesländer dem Beispiel folgen.