Mit der altbekannten Zauberformel vom Vorrang der Sachfragen vermochte Rainer Maria Barzel am Montag noch einmal die schwelende Krise innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einzudämmen. Obwohl sich der Unmut über Erhards Politik zuweilen recht heftig äußerte, gab ihm die Fraktion doch freie Hand zur Lösung der personellen und sachlichen Probleme.

Die Abgeordneten waren einigermaßen resignierend aus dem Urlaub zurückgekehrt. Allüberall unter den Parteifreunden und Wählern der CDU und CSU stieg die Nervosität. Alarmierend war das Ergebnis der letzten Meinungsumfrage: Die CDU sank auf den Tiefstand von 39 Prozent, während die SPD auf die Rekordhöhe von 52 Prozent kletterte.

Jetzt müsse endlich einmal etwas geschehen – darin waren sich die CSU, die Junge Union, die Sozialausschüsse der CDU und die Vertreter des rechten Flügels einig. Gustav Stein vom Bundesverband der deutschen Industrie und Vizepräsident Illerhaus von der Hauptgemeinschaft des deutschem Einzelhandels drängten auf eine Kabinettsreform und die Aufnahme Strauß, in die Regierung.

Der CSU-Vorsitzende selber war, nach einem Vorgeplänkel im „Bayernkurier“, vorige Woche zum Angriff gegen Erhard angetreten. Der Kanzler wollte zunächst zurückschlagen, doch gelang es Barzel, die drohende offene Auseinandersetzung zu verhüten, von der niemand im voraus sagen konnte, wohin sie führen würde. Am Montag enthielt sich Strauß dann auch jeder Kritik, und der Kanzler packte seine Abgeordneten beim Portepee: Wenn alle zusammenstünden, könne man das Vertrauen der Wähler wiedergewinnen.