Von Werner Richter

Rupert Hacker (Herausgeber). Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf. 472 Seiten, 19,80 DM.

Allem Anschein nach ist das Interesse des Lesepublikums an historischen Themen im Wachsen – an sich ein erfreuliches Symptom erstarkenden Traditionsbewußtseins, des Wunsches, zu wissen, woher man samt allen seinen Schicksalsbeladenheiten eigentlich kommt. Selbstverständlich aber wünscht man, richtig informiert zu werden, mit andern Worten: auch die Quellen zu kennen, aus denen der Verfasser sein Wissen bezog. Doch bleibt es ein. unerfüllbarer Wunsch. Denn diese Quellen ähneln tatsächlich so sehr den zahllosen winzigen Gewässern, aus denen in undurchsichtigen Waldgebirgen unsere Ströme entstehen, daß, wollte man sie alle aufführen oder gar zitieren, Bücher unmöglichen Umfangs entständen. Es bleibt dem um historische Themen Bemühten nichts weiter übrig, als aus dem ungeheuren Material, das die Quellen ihm zutragen, eine Auswahl zu treffen, an den guten Glauben also der Leserschaft zu appellieren, obwohl er so häufig und gröblich, namentlich in allerhand zusammengeschusterten „zeitgeschichtlichen Serien“ der Presse, mißbraucht wird.

Der daraus entstehenden durchaus legitimen Skepsis sucht nun eine neue Buchreihe beizukommen, die der Verlag Karl Rauch in Düsseldorf herausbringt und in der Berichte von Augenzeugen zu ungeklärt gebliebenen historischen Ereignissen zusammengestellt werden. Aber natürlich, obwohl diese Bücher mehrere hundert Seiten stark sind, war es auch bei ihnen einfach aus Raumgründen unumgänglich, auszuwählen und Kürzungen vorzunehmen. Und wer in diesen Arbeitsbezirken einigermaßen Bescheid weiß, weiß auch, welche Quälerei das für den Herausgeber bedeuten kann.

Auch muß man ja bedenken, daß kaum je ein Dokument zu dem Zweck verfaßt wurde, als „Quelle“ späteren Historikern Entdeckerfreuden zu bereiten. Die Aussagekraft jeden derartigen Stückes Papier hängt vielmehr davon ab, welche Zwecke ursprünglich damit verfolgt wurden, von der Intelligenz und Moral seines Autors also und der Situation, in der er es verfaßte. Es hiernach richtig zu würdigen, stellt an die Klugheit und Belesenheit des heutigen Herausgebers die gleichen Anforderungen wie an seinen Willen zur Redlichkeit. In dem soeben vorgelegten Band der Sammlung, der sich mit König Ludwig II. von Bayern beschäftigt, sind sie von dem Herausgeber in den Grenzen des Menschenmöglichen erfüllt worden.

Zwar muß man sagen, daß er Grundsätzliches an dem Bildnis Ludwigs II., wie es sich in den letzten Jahrzehnten entwickelte, nichs ändert. Doch sind zahlreiche dunkel gebliebene Stellen seines Lebensweges klarer beleuchtet, als sie das bisher waren; manches, was nur Annahme war, hat den Umriß des Tatsächlichen erhalten.

Die Skandale um Richard Wagner in der Anfangszeit Ludwigs sieht man jetzt darauf zurückgehen, daß zwei höchst egozentrische Persönlichkeiten – der achtzehnjährige, langsam nur reifende König, der sich nahezu allmächtig wähnte, und der um so weltklügere Wagner, der begriff, daß sich eine derartige Gelegenheit, alle seine persönlichen Wünsche zu erfüllen, nie wieder bieten würde – mit der Volksmeinung eines konservativ demokratischen Bauernlandes zusammenprallten und daß die Beamten, die es für ihre Pflicht hielten, den König dem Einfluß Wagners zu entziehen, tatsächlich Repräsentanten des Volkswillens waren. Irgend etwas wie Erotik im groben Sinn des Wortes zwischen Ludwig und Wagner, worin sich pfiffig-täppische Andeutereien immer noch gefallen, ist sinnlos, wie es immer war.