Als der Hamburger Bürgermeister Professor Weichmann nach Leningrad aufbrach, wo er mit einer kleinen Delegation die erste Septemberwoche verbrachte, war er von Skepsis erfüllt. Aber die Vertreter Leningrads ließen schon bald ernennen, daß sie sich mit der höflichen Zurschaustellung von Zarenprunk und den Aufbauerfolgen nicht begnügen wollten.

Was sie von diesem Besuch erwarteten, brachte der stellvertretende Vorsitzende des Exekutiv-Komitees, Jewlampiew, zum Ausdruck: Dieser Besuch unterscheide sich von Kontakten mit anderen Städten dadurch, daß man mit Hamburg in enge, dauerhafte Beziehungen treten möchte. Deswegen, so sagte er, erwarte man konkrete Ergebnisse und deswegen habe man den Hamburgern gezeigt, was es zu zeigen gab.

Das ist in der Tat geschehen. Die Leningrader Gastgeber machten immer wieder deutlich, daß der Hamburger Besuch ein Anfang sein solle, und der Vorsitzende des Exekutiv-Komitees, Alexander A. Sisov, legte in der Schlußbesprechung einen ganzen Katalog von Möglichkeiten vor:

„Ich denke hierbei an Ausstellungen, an das Bauwesen, an Kinderzeichnungen, an Treffen von Journalisten und von Sportlern. Wir sollten in erster Linie Kinder zusammenbringen. Wir sollten solche Schulklassen austauschen, die bei uns Deutschunterricht haben. Der Stadtsowjet ist mit guten Absichten dabei, diese Vorhaben zu fördern. Kritik und Kontakte könnten uns gegenseitig helfen, weiter voranzukommen.“

Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß auf Leningrader Seite ein aktives Interesse an Beziehungen zu Hamburg auf nahezu allen Ebenen des kommunalen Lebens besteht. Vielleicht kommt darin der Wunsch zum Ausdruck, unter Umgehung aller heißen Eisen auf der weniger belasteten kommunalen Ebene einen neuen Gesprächsfaden mit der Bundesrepublik zu knüpfen.

Unter solchen Aspekten war es sicher richtig, ein über den Graben geworfenes Tau zu ergreifen und alles zu unterlassen, was einen solchen Ansatz gefährden könnte. Der Bürgermeister hat deshalb darauf verzichtet, von sich aus das Paket jener Probleme auf den Tisch zu legen, die zwischen Deutschland und der Sowjetunion als Belastung stehen. Und wenn sich aus dem ersten Ansatz ein dauerhafter Kontakt ergibt, dann wird man bei Besuch und Gegenbesuch ohnehin über die Sorgen der Deutschen sprechen.

Im übrigen bestimmte das von Leningrader Seite immer wieder betonte „Nebeneinanderleben verschiedener Gesellschaftssysteme“ die Stimmung der Gespräche. Sicher kann diese Bereitschaft, die Unterschiede auf beiden Seiten als Ergebnis eines historischen Prozesses zu akzeptieren und die Vorstellungen des Partners nicht moralisch wertend zu attackieren, eine brauchbare Plattform dafür sein, daß zwischen Leningrad und Hamburg eine Art Zwiegespräch in Gang kommt. Schaden kann es auf keinen Fall, wenn dadurch mehr westdeutsche Stimmen in Leningrad hörbar werden und mehr Sowjetbürger als bisher unser Land mit eigenen Augen sehen, wenn so also wenigstens auf der menschlichen Ebene zum Abbau von Ressentiments aus der Vergangenheit beigetragen wird und im Zuge solcher Kontakte ein paar Menschen auf beiden Seiten dazu gebracht werden, übereinander nachzudenken. Paul O. Vogel