Welch ein Unterschied! Da sah man, auf der einen Seite, Metropolen-Glanz, sah in einem reizvollen Bericht von Max H. Rehbein über die upper ten von Seine und Garonne die große Gesellschaft, Finanziers und Künstler, Bürokraten und Politiker, unter ihnen den mit dem Oberkörper grimmige Absolutionen erteilenden Charles, und sah auf der anderen Seite, Rolf Schroers und Thomas Schamoni folgend, Bilder aus der deutschen Provinz.

In Hamm wurde an Theke und Biertisch die Trinität von Schießen, Singen und Trinken beschworen, in Landshut gedachte man der Fürstenhochzeit von einst und träumte sich in eine schönere Vergangenheit hinein (war sie wirklich so viel schöner als die Gegenwart, die Zeit mit der Einheit des Glaubens, den unzüchtigen Badestuben, einer Lebenserwartung von zwanzig Jahren und den Amputationen bei lebendigem Leib?), in Bad Kreuznach schließlich – Beispiel Nummer drei – gingen Damen und Herren der mittleren Schichten, von den Einheimischen freundlich hofiert, dem Ritual der Kurfreuden nach.

Der Text war liebenswert, die Aussprüche der Beteiligten klangen erschreckend, die Trostlosigkeit, die Enge und Dumpfheit der Provinz wurden sichtbar. Imitation der großen Welt, Beat auf westfälisch, und bescheidene Resignation, ich habe es im Laufe der Jahre beim Festumzug zum Prior der drei Patres gebracht, Aufbegehren, ich um hier endlich raus, ich kann es nicht länger ertragen, und Polis-Stolz von Anno dazumal standen unmittelbar nebeneinander.

Der Betrachter erkannte in Sangesbrüdern alte SS-Kameraden, sah hinter lauschigen Erkern, hinter Fachwerk, Giebel und Wirtshausemblem, Adler, Traube und Lamm, die Zeichen jener kleinbürgerlichen Gesinnung, die sich mit Gärtnerfleiß sc gut wie mit pedantischem Terror verträgt: Aus diesen Schlupfwinkeln, diesen Hans-Sachs-Ecken und traulichen Marktschatten sind nicht nur die Weingärtner und Ladenbesitzer, drei Stufen hinab, die Türglocke bimmelt, sondern auch die Henker gekommen.

Ein kluger und gerechter Film, den man ausspinnen, dem man hier und dort widersprechen konnte: Provinz ist schließlich auch im Großstadtviertel, zwischen Hinterhaus und Gemüsegeschäft, Provinz auch im Berliner Kindl von Provinz im Lehrerzimmer eines Münchener Gymnasiums... und da ’s in diesem Lande ohne Hauptstadt nichts mehr gibt, was nicht bei näherer Betrachtung provinziell erscheint, mag die redliche Provinz, die nicht so tut als ob und ihr Beisl nicht als Ritz, ihr Lamm nicht als Excelsior und ihren Marktbrunnen nicht als Fontana di Trevi drapiert, noch immer angenehmer als die Großstadt sein, die keine Metropole ist.

Im übrigen ist selbst der Klatsch in kleinen Städten nicht so bösartig wie bei Hamburger Premieren oder Düsseldorfer Wohltätigkeitsfesten. Man trifft sich viel zu oft in der Provinz; der Klatsch aber verlangt die Absenz. Momos