Von Hermann Stahl

In Arles geriet vor vielen Jahren ein junger Ausländer in eine vertrackte Situation. Samstag abends angekommen, stand er am nächsten Tag überrascht vom Trubel eines Festes Einlaß wünschend vor einem der vielen Tore des römischen Amphitheaters. Die Kamera, die er umgehängt trug, enthielt einen fast vollgeknipsten Film. Ein Sperrschild „Presse“ an bewachtem Eingang verhalf ihm nach vielem Hin und Her dazu, auf die Pressetribüne geführt zu werden. Die ganze Provence schien in Arles zusammengeströmt zu sein, um die (unblutigen) Stierkämpfe zu sehen. Entschuldigungen murmelnd, zwängte er sich durch die Reihen der Presseleute, klopfenden Herzens – der Kamera wegen, die jeder sehen mußte. (Ihn hatte die Hoffnung, schnell noch Filme kaufen zu können, getrogen.) Während des langen Nachmittags mag der eine und andere französische „Kollege“ sich gewundert haben über eine deutsche Kamera, bei der nie ein Film ausgewechselt werden mußte. Doch der aus unvorhergesehener Bedrängnis geborene Verzweiflungsakt konvenierte: herzlich lud die provencalische Presse den Schwindler wider Willen zu abendlichem Festschmaus ein. Der von Skrupeln Gepeinigte dankte bedauernd: er müsse weiter. Erschöpft schlich er davon. Wie, wenn er offen bekannt hätte, daß seine Kamera leer sei? Die festlich Entflammten hätten es nicht verstanden, sie wären degoutiert gewesen von soviel Indifferenz. So aber – er hatte sie entzückt, hatte Deutschlands Prestige gerettet mittels zierlichen Betrügens. Ja, Goethe.

Sooft bei uns in Sachen Heimatgefühl Befangenheit zu beobachten ist, Teilaspekt des differenzierten Traumas, fällt mir die Begeisterung ein, der ein verstörter Fremdling Tribut zu zollen sich genötigt fand damals in Arles, das seitdem zu meinen Landschaften gehört. Freilich, dort eignet Freude an Heimatlichem kein polemisch historisierender Nebensinn.

Mit dem Steigen der Jahre hebt sich aus allen erlebten Landschaften immer klarer die Landschaft meiner Kindheit empor. Ob man von Norden kommt oder von Süden (noch laufen Straße und Bahn parallel), wie einst liegt die kleine Stadt mit der großen Vergangenheit zu Füßen des Schloßbergs, der alte Stadtkern im Doppelbogen von Berg und Dillfluß. Krieg und Nachkriegszeit haben, auch mit dem stürmischen Wachsen der Industrie, in den alten Luftkurort, die stille Schul- und Beamtenstadt, viele Zuwanderer gebracht, neue Viertel klettern Waldhänge empor, nehmen einst menschenleere Täler in Besitz. Wo vor Jahrzehnten einmal im Jahr die braunen Hengste des Hessen-Nassauischen Landgestüts in langem Zug festlich vorgeführt wurden, bevor sie „auf Station gingen“ (zu Zuchtzwecken über das Land verteilt wurden), dort winden sich heute Autos durch die eng gewordenen Straßen. Das Gestüt besteht noch, alter Stolz der Stadt.

Die Altstadt, angeschmiegt dem Schloßberg – noch heute wie unter dem Schutz eines Großen.

Auf der Dillenburg wurde „Wilhelmus von Nassauen“ geboren, der, da das Fürstentum Oranien erblich an das Haus Nassau gefallen war, den Titel eines Prinzen von Oranien führte. Er lenkte, Egmont und Hoorn zur Seite, als Statthalter der Niederlande 1572 den Aufstand gegen Spanien, schuf die Utrechter Union und 1581 die Unabhängigkeit der sieben Nordprovinzen, wurde 1584 in Delft ermordet. Fast zweihundert Jahre stand das Stammschloß noch, im Siebenjährigen Krieg befehligte Marschall Broglie die Artillerie, die es zusammenschoß, auf dem Weinberg ist noch die Stelle zu sehen, von wo die Brandkugeln über Tal und Stadt sausten, es müssen für meiner Mutter Voreltern böse Juliwochen gewesen sein, 1760.

Unvernunft riß später die versengten Mauern nieder, steile Frühgotik, wie eine zeitgenössische Zeichnung zeigt. Man machte sich’s bequem und stopfte den Schutt in die riesigen Kasematten, die den Schloßberg höhlen, erst die Gegenwart hat sie wieder freigelegt. Über die Schönheit der Wilhelmsturm genannten Neugotik, (klotzig trotz Kirchturmhöhe über berghoher Schloßmauer, die blieb) über diese Gemeinschaftsstiftung des „Nassausche Geboorteland en Nederland“ für den „Grondlegger van Nederlands Frijheit“ räsonierten die Honoratioren vermutlich schon in den achtziger Jahren. Doch der nicht „wilhelmsche“, sondern wilhelminische Trutz, der hoch über Tal und Waldbergen ein Museum beherbergt, ist nicht ohne Würde. So beeindruckt er noch immer den Betrachter.