G. Z., Frankfurt

Vier Wochen lang hatte die Frankfurter Rundschau“ stillgehalten. Dann platzte dem Chef des Hauses, Karl Gerold, der Kragen: „Solange der ‚Fall Martina Kischke‘ nicht geklärt ist, weigert sich meine Zeitung, auch nur einen Vertreter oder gar eine der vielen sowjetischen Delegationen in ihren Räumen zu empfangen.“ Und weiter las er den Sowjets die Leviten: „Wir vernehmen von sowjetischen Bürgern hoher und höchster ‚Klasse‘, daß sich bei ihnen alles im Sinne von Recht, Gerechtigkeit und Menschlichkeit geändert habe. In diesem Sinne schickt die Sowjetunion Delegationen aller Art in alle Länder. Wie verhält es sich in Wirklichkeit mit dem, was die Sowjets von sich behaupten zu sein und was sie von anderen Regierungen und Völkern verlangen?“ Mit dem „Fall Martina Kischke“ sei ein ungeheuerliches Beispiel der sowjetischen Praxis gegeben. Was man hier erlebe, sei nichts anderes, als ein eklatantes Mißverhältnis zwischen den tönenden Phrasen der Sowjetunion und der Wirklichkeit, wie sich dieser Staat benimmt.

Wie hatte sich dieser Staat „benommen“? Am 4. August dieses Jahres war Martina Kischke, in der „Frankfurter Rundschau“ verantwortlich für die Frauenseite, in Urlaub gefahren. Ihr Ziel: Alma Ata, die Hauptstadt der Sowjetrepublik Kasachstan. Es war ein „gezielter Urlaub“. Sie wollte dort den sowjetischen Ingenieur Boris Petrenko heiraten. Es sollte sehr feierlich werden: Boris Petrenko hatte darauf gedrungen, daß „in Weiß“ geheiratet wird. Und so lag denn auch in Martinas Reisegepäck obenauf ein blütenweißes Brautkleid.

Für die Freunde und Bekannten der FR-Frauen-Redakteurin war das alles nicht sensationell. Ihnen war die geradezu schwärmerische Zuneigung „zum Osten“ schon lange kein Geheimnis, denn Martina Kischke machte daraus gar keinen Hehl. Auch den Lesern der „Frankfurter Rundschau“ waren diese Sympathien bekannt. Die Journalistin hatte in der „Zeit und Bild“-Wochenendbeilage der Zeitung bereits über einen „Besuch bei Marja Iwanowna“ berichtet und dabei ihre „Begegnungen mit russischen Frauen in Alma Ata“ voller Enthusiasmus geschildert. Sie war angetan von der Gastfreundschaft dieser Menschen, von ihrer Friedensliebe und ihrer leichten und fröhlichen Art zu leben.

Auch den Lesern der „Motor-Reise-Revue“, einer Zeitschrift des Automobilclubs von Deutschland (AvD), hatte Martina Kischke auf vielen Seiten Appetit gemacht, ihren Urlaub in der Sowjetunion zu verbringen. Dabei hatte sie auch versucht, die Vorurteile westlicher Touristen auszuräumen, man könne sich dort nicht frei bewegen und werde sogar „beschattet“. Alle Ratschläge für eine Reise in die Sowjetunion hatte die Autorin nicht aus verlockenden Prospekten abgeschrieben. Sie hatte bei ihren Fahrten durch das Land genügend Erfahrungen gesammelt, um Interessierte beraten zu können.

Sie wußte und legte das ihren Lesern auch ans Herz, was man nicht tun darf. Um so fassungsloser ist man nun, daß ausgerechnet Martina Kischke von einer Reise in die Sowjetunion bis heute nicht zurückgekehrt ist. Am 14. August war ihre Mutter zum Rhein-Main-Flughafen gefahren, um – wie sie meinte – die frischgebackene Ehefrau Martina Petrenko abzuholen. Sie wartete vergebens. Drei Tage lang übte sich Mutter Kischke in Geduld; schließlich konnte etwas Unvorhergesehenes dazwischengekommen sein. Doch dann fuhr sie nach Wiesbaden zum Reisebüro „Helios“, bei dem der Flug nach Alma Ata gebucht worden war. Von dort aus gingen die Fernschreiben nach Moskau. Empfänger waren die Intourist-Zentrale und die Deutsche Botschaft. Die Anfragen aber blieben ohne Erfolg. Die sowjetische Reiseorganisation konnte lediglich mitteilen, was die Kundin Kischke hätte tun müssen, wenn alles fahrplanmäßig verlaufen wäre. Über das, was wirklich geschehen war, blieb sie die Antwort schuldig.

Der Botschaft der Bundesrepublik in Moskau ging es nicht viel besser. Die Beamten formulierten eine Anfrage an das sowjetische Außenministerium – und warteten vergeblich auf eine Antwort. Die Reaktion auf eine zweite Anfrage löste in der Botschaft einiges Erstaunen aus. Anstelle einer Antwort kam nämlich eine Rückfrage: Worum handelt es sich eigentlich? Man habe keine Note der Deutschen Botschaft erhalten. Um keine Zeit durch weiteres diplomatisches Hin und Her zu verlieren, wurde dem Moskauer Außenministerium eine Kopie der ersten offiziellen Anfrage zugestellt. Aber auch die Mutter, die sich von Tag zu Tag mehr Sorgen machte, blieb nicht untätig. Sie schickte ein Telegramm an Boris Romanowitsch Petrenko, Alma Ata, Panfilowa 149, Korpus 11, Wohnung 103: „Where is Martini Ein Einschreibebrief folgte. Keine Antwort. Wo ihre Tochter Martina ist, weiß sie bis heute nicht. Inzwischen weiß sie aber, was ihr von den sowjetischen Behörden vorgeworfen wird: Der Deutschen Botschaft ging am 26. August die lakonische Mitteilung des Außenministeriums in Moskau zu, Martina Kischke sei wegen „zersetzender Tätigkeit“ auf dem Boden der Sowjetunion festgenommen; gegen sie sei ein „strafrechtliches Untersuchungsverfahren“ eingeleitet worden.