Washington, im September

Am gleichen Sonntag, als die Südvietnamesen 117 Delegierte in ihre verfassunggebende Nationalversammlung wählten, und die Wahlbeteiligung von achtzig Prozent alle Washingtoner Erwartungen übertraf, flogen die amerikanischen Luftstreitkräfte mit annähernd fünfhundert Maschinen eine Rekordzahl von 171 Einsätzen gegen Nordvietnam. Im Süden wird versucht, dem Vietkong den Rückhalt in der Bevölkerung zu entziehen, im Norden wird der Druck auf Ho Tschi Minh durch die Zerstörung von Brücken, Straßen, Bahnen, Truppenunterkünften und rüstungswirtschaftlichen Objekten verschärft. Der Luftkrieg ist zum Furioso angeschwollen; seine Wucht übertrifft die der amerikanischen Bomberoffensive gegen Nordkorea in der zweiten Phase des Korea-Konflikts.

Die Luftwaffe freilich kann das Gebiet des Gegners nur zerstören, aber nicht besetzen und halten. Was im Norden unterbleiben muß, soll im Süden erreicht werden: Die physische Verdrängung des Gegners aus seinen festen Plätzen, das politische Austrocknen des „Sees der Bevölkerung“, in dem sich der Partisan nach der Lehre Mao Tse-tungs wie ein Fisch im Wasser tummelt. Mit den Wahlen ist ein Anfang gemacht worden, dessen Bedeutung über die Legalisierung und Konstitutionalisierung des Regimes hinausgeht.

Die amerikanische Regierung ist nicht so töricht, die Wahlen als eine Probe auf das Exempel westlicher Demokratie auszudeuten. Das waren sie nicht, und das sollten sie nicht sein. Unter den Kriegsbedingungen, bei dem Mangel an profilierten Politikern, dem Ausschluß eines Drittels der Wahlfähigen, die in Vietcong-beherrschten Gebieten leben, der Massenstimmabgabe der Soldaten und dem übereifrigen Anspornen der Wahlberechtigten in den relativ sicheren Städten durch den Saigoner Verwaltungsapparat, konnte keine absolute freie Willensentscheidung erwartet werden. Aber ein beachtlich großer Teil der Bevölkerung machte freiwillig vom Stimmzettel Gebrauch und ließ sich weder durch den vom Vietcong angekündigten und praktizierten Terror noch durch den Boykottaufruf der vereinigten buddhistischen Kirche vom Gang zu den Wahllokalen abhalten. Die verfassunggebende Versammlung kann ihre Tätigkeit aufnehmen, und wenn die Generale es unterlassen, sie in ein Instrument zur Verlängerung des Militärregimes zu verfälschen, werden die Vietnamesen nach sechs Monaten Gelegenheit zu einer wirklichen sechs tischen Wahl erhalten.

Aus ihr soll nach den Vorstellungen Washingtons eine Volksvertretung hervorgehen, die das Regime der Generale durch eine Zivilregierung ablöst. Auch dabei wird behutsam und schrittweise vorgegangen werden müssen, denn bei dem Fehlen eines stabilen Zivil-Verwaltungsapparates und der Bedeutung des Heeres als Ordnungsfaktor könnte eine ohnmächtige Zivilregierung nur das Vorspiel zu neuen innenpolitischen Kollapsen werden. Auch kann niemand voraussagen, wie ein echtes Parlament zusammengesetzt sein wird, wie seine Mehrheit über Krieg, Frieden und Neutralität denken mag.

In einem bis zwei Jahren wird für Washington, wenn sich der Krieg solange ohne militärische Entscheidung dahinschleppt, eine Zivilregierung in Saigon sehr willkommen sein – eine Regierung, die einerseits nicht bei jeder militärischen Kabale zusammenbricht und andererseits weniger intransigent ist als das Regime der Generale, wenn es etwa darum ginge, die kommunistische Nationale Befreiungsfront zu Friedensverhandlungen heranzuziehen oder sie in eine neue politische Struktur Südvietnams einzuschmelzen. Das lange Zusammenleben mit den Amerikanern hat viele befähigte Vietnamesen der jungen Generation zu Reformern gemacht, die nicht mehr in den Schablonen der früheren Feudalstruktur denken. Hier ist ein Sammelbecken im Entstehen, aus dem frische Kräfte in den Staatsapparat gelenkt werden können, um ihm schließlich einen demokratischen Unterbau zu geben. Die Wahlen vom Sonntag, so hofft Amerika, sollen dafür den Grundstein abgeben.

Der militärisch-politische Konflikt im Aufstandskrieg kann nur bestanden werden, wenn es gelingt, dem Gegner das Kräftereservoir in der Bevölkerung streitig zu machen. Das erfordert sehr viel Zeit. Angeblich versöhnliche Gesten des chinesischen Außenministers oder Berichte über plötzliche Verhandlungsbereitschaft Ho Tschi Minhs haben sich bisher stets als Trugbilder oder Übersetzungsfehler entpuppt. Der Krieg geht weiter, aber er wird nicht nur mit Granaten und Raketen geführt. Joachim Schwelien