Von Rolf Linnenkamp

Sicherlich selten findet man Fresken im Heu. Eine solch eigenartige Entdeckung gelang bei der Besichtigung eines alten, verfallenen toskanischen Landsitzes, zu dem eine kleine verlassene Kirche gehört; sie war zum Heuschober verweltlicht worden, steht aber nunmehr auf Grund der folgenden Forschungsergebnisse unter Denkmalsschutz. Noch erwähnt kein Reiseführer diesen Ort, der wirklich einer besseren Würdigung wert wäre.

Das Oratorium S. Michele in Castellaccio, das etwa drei Kilometer östlich von Sommaia bei Florenz liegt, wurde im Auftrag von Borghino di Niccolo Donati errichtet und ausgestattet; die Arbeiten waren – der Inschrift im Türsturz zufolge – 1464 beendet. Die Fresken in der nördlichen Nische des Langhauses, die von Paolo Schiavo (1397–1478) stammen, wirken recht einheitlich und gereift.

Hingegen vermitteln die Fresken in der südlichen Nische Eindrücke von unterschiedlicher Stärke. Am schwächsten wirkt der Tondo Gottvater im Scheitel des Gewändes: Das Sitzproblem ist ungelöst; die Wolkenbänke, die schon von Andrea del Castagno (um 1422–1457) und Antonio del Pollaiuolo (1433–1498) her bekannt waren, bieten keinen kompositorischen Halt; Gestus und Ausdruck gehen im wesentlichen auf Lesungen zurück, die bereits Fra Filippo Lippi (im 1406–1469) gefunden hatte.

Die Maria der Verkündigung sitzt nicht fester: Räumliche Tiefe beschränkt sich auf unsichere Andeutungen; was die Illusion von Körperlichkeit anlangt, so steht das Können vorerst noch hinter dem Wollen zurück. Erheblich sicherer wird der hl. Gabriel gebracht: In wirkungsvollem Gegensatz zur Madonna Pudica sind die Arme des Erzengels geöffnet; und Offenheit zeigt sein klares, ernstes Gesicht.

Ansätze zu einer unabhängigeren Gestaltung verrät die Darstellung der Marter des hl. Sebastian. Doch Düsternis des Heiligenantlitzes bedejtet nicht unbedingt auch geistige Bewältigung des Themas; rührend offenbart sich die künstlerische Schwäche in der schematischen Anordnung der Pfeile und Steine. Aber vortrefflich gelungen ist die Komposition des gegenüberstehenden hl. Christopherus: Er bildet mit dem Christuskind eine echte Gruppe. Johannes der Täufer und der hl. Paulus sind Assistenzfiguren, die einerseits mit dem Finger und andererseits mit dem Seiwert zur Hauptfigur im Mittelfeld hinaufweisen: Dort wird der jugendliche, kraftvolle, herrscherliche hl. Michael derart souverän dargestellt, daß er in der zeitgenössischen Kunst kaum seinesgleichen findet. Leider wurde dieses Meisterwerk durch Forkenstiche aufs schwerste beschädigt.

Zweifellos geben die Fresken in der hier vorgetragenen Reihenfolge verschiedene Reifestadien eines jungen Malers wieder: Anfangs war dieser Künstler seiner selbst höchstens im technischen Bereich, jedoch weniger in formaler und schon gar nicht in expressiver Hinsicht sicher. Deshalb nahm er natürlich Anleihen bei berühmten Meistern auf, von denen einige bereits erwähnt wurden. Weil er noch keine Routine besaß, mußte er sich von Feld zu Feld stets neu erproben.