• "Brüning, Gaul, Götz, Hajek, Wild" (München, Ausstellung im Berufsverband Bildender Künstler, Maximilianstraße 42): Die Räume des Berufsverbandes galten Jahre hindurch als ein makabrer Sammelpunkt aller erdenklichen Mittelmäßigkeiten, aus deren zur Gewohnheit gewordener Le-, thargie kaum noch ein Weg zu führen schien.Um so erstaunlicher die jetzige Ausstellung, deren Initiatoren vor allem Senator Alfons Klein, der Präsident des Berufsverbandes, und dessen Vorstandsmitglied Ernst Wild waren. Jedem der fünf wurde ein geräumiger Saal für Hauptwerke zugeteilt, in drei weiteren Räumen findet man Druckgraphik und Handzeichnungen.

Peter Brüning war schon 1965 angenehm aufgefallen, als Manfred de la Motte im "Haus der Kunst" seine "Aspekte" einrichtete. Damals sah man bei Brüning helle, leuchtende und klar beschriebene Flächen, die etwa auf dem Weg zwischen seinen früheren, mehr einem lyrischen Informel zugetanen Arbeiten und den jetzigen "Landkartenbildern" oder "Legenden" standen. Diese Landkartenbilder, deren Alphabet sich aus den geläufigen kartographischen Zeichen zusammensetzt, wie sie früher den Militärs und heute jedem Autofahrer bekannt sind, vermitteln ein ungemein lebhaftes Wohlbehagen. Wie im offenen Sportflugzeug fühlt man Äcker, Wiesen, Ortschaften, Wälder, Flüsse und Seen unter sich weggleiten. Dabei ist jede Spur einer naturalistischen Alliteration vermieden, die Zeichen stehen klar und kräftig für sich wie in einem guten typographischen Drucksatz. Zweifellos gehört Brüning mit seinen 37 Jahren zu den großen Hoffnungen des künstlerischen Deutschland. Er nimmt dieses Jahr am großen Marzotto-Wettbewerb in Valdagno teil.

Den gleichen Eindruck einer frischen, unsentimentalen Heiterkeit vermitteln die neuen Arbeiten von Otto Herbert Hajek. Es sind die großen, vornehmlich vertikal gegliederten Holzplastiken, die Hajek seit 1964 (erstmals im Künstlerbund, dann auf der documenta 1964) unter dem Motto "Farbwege" ausstellt. Ziel ist eine innige Verzahnung von plastischen und malerischen Werten, dergestalt, daß einmal mehr das plastische Gerüst mit seinen Hohlformen, dann wieder das farbige Relief als Hauptträger hervortritt, wechselnd nach Standort, Beleuchtung und Schattenwurf.

Uber die ausholenden Schwünge, Wirbel und Strudel von Karl Otto Götz (geboren 1914) ist Neues nicht zu melden. Er ist sich seit zehn Jahren ziemlich gleich geblieben. Ernst Wild, wie Hajek ein Landsmann aus Nordböhmen, bringt neuerdings in seine in pastosen Farbschwarten schwelgende Malerei etwas System und Ordnung, was wahrhaftig an der Zeit war. Man hat den Eindruck, daß eine Rückbesinnung auf seine mehr landschaftlich und atmosphärisch empfundenen Anfänge dem Maler Wild nur Gutes bringen könnte. Bei Winfred Gaul sieht man die üblichen Signaltafeln und Schilder, auf denen sich allmählich etwas Farbkultur einbürgert. Sie sind nicht mehr ausschließlich in den knallbunten Primärfarben gehalten.

Alles in allem: ein glücklich zusammengestelltes Ensemble von Persönlichkeiten, mit klaren kräftigen Konturen der Aussage und einer erfrischenden Eindeutigkeit in Absicht und Leistung. Wolf gang Christlieb

  • "Picasso-Aspekte" (Bremen, Michael Hertz): Am 25. Oktober wird Picasso 85. Jubiläumsausstellungen werden in vielen Ländern vorbereitet, der Kunsthandel erwartet eine neue Picasso-Hausse. In Deutschland ist Michael Hertz der erste, der mit einer sehr bedeutenden Ausstellung auf den bevorstehenden Geburtstag hinweist. Er zeigt bis Mitte Oktober "Einige Aspekte des Nachkriegs-Oeuvres". Daß sämtliche Arbeiten, annähernd vierzig Gemälde, Zeichnungen, Pastelle, Lithographien, Aquatinta-Blätter und Linolschnitte, verkäuflich sind, ist ein für Sammler und Museen interessanter Aspekt. Daß ein großer Teil der Bilder und Blätter in Deutschland noch nicht zu sehen war, ist ein anderer wesentlicher Aspekt der Ausstellung. Sie gliedert sich nach thematischen Gruppen, Variationsreihen und den Medien der Technik.

Zur Hauptgruppe gehören vier großformatige Gemälde. Eine der schönsten und frühesten Paraphrasen über Manets "Déjeuner sur l’herbe" ist dabei, weiter drei späte Varianten zu Picassos altem Motiv der Femme couchée" und "Femme assise". Die Große Sitzende mit grüner Schärpe kennt man schon van der letzten documenta. Das neueste Bild der Reihe, die "Liegende Frau", die mit einer Katze spielt, ist im März 1964 entstanden und nach radikaler deformiert, noch brutaler zerstückt und noch sensibler gemalt als alle ihre Vorgängerinnen, der endgültige Beweis, daß man alles von Picasso erwarten kann, nur nichts, was nach Altersstil aussieht.