Von Hans Fischer-Barnicol

Benedicta Maria Kempner: Priester vor Hitlers Tribunalen. Rütten + Loening Verlag, München. 496 Seiten, 26,– DM.

In einer Beilage dankt der greise Kardinal Bea der Verfasserin für ihre nicht leichte Arbeit und wünscht diesem wertvollen Buch weite Verbreitung und tiefe Wirkung.

Sehr viel mehr ist über diese erste Dokumentation der Martyrien auch kaum zu sagen. In jahrelanger Durchforschung der gerichtlichen, politischen, historischen und kirchlichen Archive, durch mühselige Suche nach möglichen Hinterlassenschaften der Ermordeten bei Verwandten und Freunden und in weltweiter Fahndung konnte die Verfasserin nahezu viertausend Schicksale durch das NS-Regime hingerichteter Priester registrieren, die erschossen, gehängt, zu Tode gefoltert, in Kerkern und Konzentrationslagern umgebracht worden sind. 130 Gerichtsverfahren gegen Priester konnten aktenkundig analysiert werden. Die Anzahl der tatsächlichen Opfer ist ungleich höher. Viele bleiben namenlos. Von einigen lassen sich nur noch Name, Geburtsdatum, Todestag und die Registernummern der Gerichte, der Hinrichtungslisten feststellen: „... Abbé Jean Mathieu Joseph Arnolds, Buchstabe ‚A‘, Nr. 304 1903-3a, Geschäftsnummer: IV g 10 a 938/44 g.“

Und dann blättert man in diesen Dokumenten. Die Monotonie des Irrsinns dieser Urteile verleitet dazu, die Paßbilder zu betrachten, die Schriftproben. Und nun beginnt man zu staunen: jedes dieser Gesichter ist unverwechselbar, klar gezeichnet, eigenwillig, freien Blicks. Kein einziges ist „typisch“, unprofiliert, schwammig. Keinem dieser Männer traut man Bequemlichkeit oder Furcht zu, keiner wirkt als „Hochwürden“, alle scheinen ganz und gar unbürgerliche Menschen gewesen zu sein.

Und nun liest man doch diese unvorstellbaren, grausigen Akten und ihre unvorstellbar grausige Juristensprache; daneben die aus dem Gefängnis geschmuggelten Kassiber, die letzten Grüße, Tagebuchnotizen der Hingerichteten. Einfache Zeugnisse des Glaubens, schlichte, oft humorvolle Tröstungen für die Hinterbliebenen, letzte Einsichten, ausgemeißelte Erkenntnisse, Wahrheiten vom Grund der Existenz. Manche dieser Todesbotschaften bedienen sich der mitgebrachten Sprache erbaulicher Frömmigkeit, die sich jäh verwandelt ins nüchterne Bekenntnis: „... ich sterbe unschuldig, aber gottergeben. Ich werde euch allen nahe sein ...“

„...Sie Jämmerling, Sie pfäffisches Würstchen – eine Ratte, austreten, zertreten sollte man so was...“, schrie Freisler den vor Gericht merkwürdig ruhigen Pater Delp SJ an. Wie ihm wurde offenbar vielen dieser Männer eine seltsame Ruhe zuteil. Auch der einen enthaupteten Ordensfrau, von der das Buch berichtet, einer resoluten Operationsschwester eines Krankenhauses in Mödling bei Wien, die von einem Arzt, der sich über sie geärgert hatte, denunziert worden war; in geradezu heiterer Gelassenheit begegnete sie dem Gefängnisseelsorger auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte: „Hochwürden, machen’s mir an Kreuzl auf die Stirn.“