Von Wolfgang Schleicher

Der Autor dieses Aufsatzes, Dr. Schleicher, ist Referent für Bildungswesen beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Die gespannte Lage in einer Anzahl von Wirtschaftsbereichen der Bundesrepublik, vor allem aber die Krise im Steinkohlenbergbau mit ihren besonderen sozialen Auswirkungen – dies alles hat die öffentliche Aufmerksamkeit mehr und mehr auf ein zentrales Problem unseres Wohlstandes gelenkt: auf den Bildungsnotstand. Die Entwicklung, die dazu geführt hat, ist Folge des Strukturwandels unserer Wirtschaft, und die hiervon ausgelösten sozialen Auswirkungen berühren in erster Linie den Stand des beruflichen Bildungswesens.

Für den einzelnen ist ein durch mangelnde Bildung hervorgerufener Notstand dann gegeben, wenn er durch die wirtschaftliche Entwicklung den Arbeitsplatz und seinen erlernten Beruf aufgeben muß, aber eine andere Tätigkeit nicht ausüben kann, weil die Ausbildungsvoraussetzungen nicht vorhanden sind.

Für die Allgemeinheit ist der Bildungsnotstand dann eingetreten, wenn die wirtschaftliche Entwicklung dadurch zum Stillstand kommt, daß die in einer modernen Industriegesellschaft nötigen beruflichen Qualifikationen fehlen.

Es war zuletzt das „Jahresgutachten 1965 der Wirtschaftssachverständigen“, das auf diesen Tatbestand aufmerksam und die Unzulänglichkeit unseres derzeitigen beruflichen Bildungswesens deutlich gemacht hat. In seiner verhältnismäßig umfangreichen Berücksichtigung dieser Fragen machten die Gutachter eine sehr bemerkenswerte Aussage: Die Situation unseres Arbeitsmarktes läßt sich nur dann verbessern, „wenn die Bundesrepublik entsprechend mehr dafür sorgt, daß in der Grundausbildung die Qualität und in der Erwachsenen-Weiterbildung die Quantität zunimmt“.

Eine höhere Qualität der Grundausbildung heißt in diesem Zusammenhang nicht nur, die Pflichtstunden in der Teilzeit-Berufsschule und leistungsfähigen Stätten der Berufsausbildung zu vermehren, sondern auch die Allgemeinbildung zu erweitern, indem man das allgemeinbildende Schulwesen ausbaut und die Schulpflicht um mindestens ein neuntes Schuljahr verlängert.