Ein Lehrer ist ein Mensch“, erkannte ein 16jähriger Oberschüler aus Fulda, „und ich glaube, ein Lehrer kann deutlicher erklären als ein Buch.“

Die Schülermeinung wurde durch einen Fragebogen ermittelt, den der Autor des programmierten Lehrwerks „Mengen-Algebra“, Oberstudienrat Helmut Lindner, 40, aus Hamburg, an Gymnasiasten verteilen ließ. Das Buch, dem der Schüler seinen Lehrer vorzog, gehört zu den ersten Werken der Schulbuchliteratur, mit denen in der Bundesrepublik das programmierte Lernen – unter Experten kurz „PL“ – aus der theoretischen Erörterung in die praktische Erprobung geleitet wird.

Seit Sidney L. Pressey Mitte der zwanziger Jahre in den USA seine ersten Selbsttestgeräte zum „automatischen Lernen“ vorführte, reißt die Diskussion über eine „Revolution des Bildungswesens“ nicht ab. Doch Presseys Thesen hatten Schwächen, seine Maschinen Fehler und die Pädagogen der damaligen Zeit Vorurteile. So kam es, daß die Erkenntnisse des „Großvaters der programmierten Unterweisung“ erst dreißig Jahre später in ihrer Bedeutung erkannt wurden.

1954 veröffentlichte der amerikanische Psychologe B. F. Skinner seine Arbeit über „Die Wissenschaft vom Lernen und die Kunst des Lehrens“. Er forderte darin eine Anwendung der modernen Verhaltenspsychologie auf die Pädagogik und wies den Weg zur Verwirklichung des erklärten Ziels: Verzicht auf konventionelle Lehrverfahren zugunsten der programmierten Instruktion.

Seither überschwemmt eine Flut von Veröffentlichungen und Forschungsberichten zu Fragen des programmierten Lernens die USA. Doch auch in anderen Ländern – so beispielsweise in der Bundesrepublik, der UdSSR, der Tschechoslowakei, in Japan und England – wurden Skinners Anregungen aufgegriffen, wurden Artikel und Bücher veröffentlicht, Vorträge gehalten, Kurse, Konferenzen und Seminare veranstaltet. Skinner, sozusagen ein „Billy Graham der Pädagogik“, gelang es, die Idee der programmierten Unterweisung populär zu machen, gleichzeitig aber auch in Gefahr zu bringen.

Während nämlich noch Wissenschaftler in aller Welt über das Für und Wider der Schulstubenreform stritten, machte sich – Mitte der fünfziger Jahre – eine rührige Lobby in den USA daran, die Skinner-Theorie kommerziell zu nutzen. Verlage boten Unterrichtsprogramme feil, die von Theoretikern eilig zusammengeschrieben und vor der Veröffentlichung nicht praktisch erprobt worden waren. Die Industrie entwickelte apparative Lernhilfen, sogenannte Lernmaschinen, ohne geeignete Programme dafür zu besitzen. Oftmals wurden die Maschinen überdies ohne Rücksicht auf die geplante Funktion konstruiert. „Die Mechanisierung des Bildungswesens“, beklagte denn auch Skinner in einem „Rückblick“ 1963, „wurde wörtlich in dem Sinne verstanden, daß Maschinen das leisten würden, was vorher die Arbeit des Menschen gewesen war.“

Nun war es zweifellos nicht Skinners Wille gewesen, den Lehrer durch Maschinen zu ersetzen. Lernmaschinen galten ihm lediglich als „vorzügliche Ausrüstungsgegenstände, die dem Lehrer Zeit und Mühe sparen helfen“. Skinner wollte den Geräten bestimmte mechanisierbare Funktionen übertragen, um zu erreichen, daß „der Lehrer sich in seine eigene Aufgabe als ein unersetzbares menschliches Wesen vertiefen“ könne. Mit geringerem Kraftaufwand sollte der Pädagogik „in kürzerer Zeit... mehr Schüler unterrichten“, als je zuvor möglich war.