Stockholm, im September

Die drei bürgerlichen Parteien in Schweden rüsten sich zum Sturm gegen die Herrschaft der Sozialdemokraten. Nachdem im vorigen Herbst die Arbeiterpartei in Norwegen nach drei Jahrzehnten von einer bürgerlichen Koalition abgelöst und in Dänemark das Minderheitenkabinett Krag dem Wohlwollen der Opposition ausgeliefet wurde, hoffen die bürgerlichen Parteien in Schweden, bald auch Erlander und seine Partei entmachten zu können.

Am 18. September wählt Schweden Gemeinderäte, Regionalparlamente und die Hälfte der ersten Reichstagskammer. Zum erstenmal treten die liberale Volkspartei, das Zentrum (früher Bauernpartei) und die konservative Rechtspartei in mehreren Städten und Landbezirken mit einer gemeinsamen Liste auf, um nach dreißig Jahren die Macht der sozialdemokratischen Regierungspartei zu erschüttern. Die „Bürgerliche Sammlung“ rechnet sich gute Chancen aus.

Die Propaganda gilt drei Problemen: der Inflation, dem Wohnungsmangel und der Verfassungsreform. Seit 1950 sind die Preise um fast neunzig Prozent gestiegen. Nur Norwegen und Frankreich haben Schweden noch übertroffen. Zwar hat sich in der gleichen Zeit auch das Realeinkommen der schwedischen Arbeitnehmer beträchtlich erhöht, aber es hat nicht Schritt gehalten. Wegen der ständig steigenden Kosten ist die Wirtschaft auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Handelsbilanz ist passiv.

Der Wohnungsmarkt ist vor allem in den großen Städten ein wichtiges Thema des Wahlkampfes. Familien mit zwei Kindern müssen bis zu sechs Jahren auf eine Wohnung warten. Auf dem Land und in den Kleinstädten dagegen stehen Wohnungen leer. Die Sozialdemokraten haben zwar versprochen, in zehn Jahren eine Million Neubauwohnungen zu errichten, aber sie sind schon im ersten Abschnitt dieses langfristigen Programms mit einigen zehntausend Wohnungen im Rückstand. Die bürgerlichen Parteien versprechen nicht nur mehr Wohnungen (1 100 000), sie fordern auch eine Konzentration der Neubauten auf „Notgebiete“.

Das dritte Instrument, auf dem die Opposition ihre Wahlmusik spielt, ist den schwedischen Wählern seit Jahrzehnten vertraut. Die heute gültige schwedische Verfassung ist in einigen Teilen über 150 Jahre alt, und seit fünfzig Jahren werden Verfassungsreformen gefordert. Die bürgerlichen Parteien wünschen einen Reichstag, der nur aus einer Kammer besteht. Denn das System zweier gleichberechtigter Kammern (die Vertreter der einen werden von den Regionalparlamenten entsandt) verhindert einen Regierungswechsel auch dann, wenn die regierende Partei in einer Reichstagswahl die Mehrheit verloren hat. Der Wahlkampfslogan lautet deshalb: „Kein Schutznetz für Erlander.“

Im Wahlkampf ist bisher nur ein außenpolitisches Argument aufgetaucht: Die Kommunisten versuchen, mit Vietnam- und Anti-Amerika-Parolen den linken Flügel der Sozialdemokraten für sich zu gewinnen. Hero Buss