Martin Walsers Roman „Das Einhorn“ und seine Kritiker

Von Uwe Nettelbeck

Jedermann, der ihn jemals gelesen hat, weiß, daß Marcel Reich-Ranicki, wenn es ernst wird, wenn also zum Beispiel das neue Buch von

Martin Walser: „Das Einhorn“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 491 S., 24,– DM

besprochen werden muß, außerordentlich ernst wird. Nur schlägt sich dieser Ernst, seine Sorge um eine deutsche Gegenwartsliteratur von Rang, dann manchmal nieder in Formulierungen wie: Jedermann weiß, daß Martin Walser außerordentlich viel kann. Doch kaum etwas will ihm glücken ... Er ist ein erstaunlicher Künstler und ein miserabler Handwerker ... Beachtliches und Fragwürdiges, Hervorragendes und Peinliches findet sich in seinen Werken in verblüffender Nachbarschaft lediglich das Mediokre weiß er zu umgehen. Und das will schon etwas heißen ...

Es verrät sich darin eine kritische Methode, die Mißtrauen weckt, auch dann, wenn sie zwischendurch und im Detail Ergebnisse liefert, denen man trauen kann. Ich mißtraue einer Kritik, die vor allem mit Adjektiven operiert wie: gut, fragwürdig, hervorragend, langweilig; die nicht auf die Sache zielt, sondern auf den Mann, obwohl ich weiß, wie verführerisch das ist und wie angemessen manchmal. Einer Kritik, die in erster Linie attributive Zensuren verteilt, also hinter zu glatten Resultaten versteckt, was eigentlich interessant ist, und sich mit Auskünften hilft wie: ich habe mich gelangweilt, oder: spannend bis zur letzten Seite.

Unter dem Strich findet Reich-Ranicki, daß Walsers neuer Roman, trotz allem, mißlungen sei: Doch können solche Miniaturen und die vielen Einschübe nicht darüber hinwegtäuschen, daß es die Möglichkeit des Romanciers Walser übersteigt, eine epische Welt auch nur anzudeuten, geschweige denn zu schaffen. Und plötzlich gewinnt die dabei naheliegende Frage, ob es Walser darum zu tun war, eine epische Welt im Sinne Reich-Ranickis zu schaffen, die man auch ohne Kenntnis des Buches sofort verneinen möchte, eine Bedeutung, die sie gar nicht verdient.