Von Heinz Josef Herbort

Als Zentrum der Neuen Musik in Deutschland gilt, neben Donaueschingen, Darmstadt. Ist es das wirklich noch? Dieser Frage ist der Musik-Redakteur der ZEIT hier einmal nachgegangen.

Auf dem Podium ein Flügel – ohne Deckel, ein Bleigewicht liegt auf den Pedalen – und zwei mit Tüchern bedeckte Notenpulte. Es treten auf fünf junge Männer. Zwei nehmen neben den Notenpulten stramme Haltung ein. Zwei andere postieren sich vor und neben dem Flügel und setzen Schutzmasken aus Plexiglas vors Gesicht. Der fünfte steht ein wenig abseits, beobachtend, mit sorgenvoller Miene.

Auf sein Zeichen reichen die beiden neben den Pulten den beiden mit den Masken je zwei Paukenschlägel. Sofort beginnen diese damit, die Stahlverstrebungen des Flügels, den Resonanzboden und die Flügelwände von innen in immer gleichbleibendem Rhythmus zu beklopfen, der eine etwas schneller als der andere. Von Zeit zu Zeit reichen ihnen die Assistenten neue Schlägel; man klopft hier und klopft dort, klopft den ganzen Flügel ab, immer gleichbleibend im leicht gegeneinander verschobenen Rhythmus. Das könnte dem Bild nach etwas mit Chirurgie und Operationssaal zu tun haben, auch mit Schweiß- und Schmiedearbeiten. Eine Humoreske, eine Satire? Aber man bleibt ernst.

Nach fünf Minuten und fünfzehn Sekunden stoppt der Abseitsstehende den Vorgang. Das Quintett verbeugt sich, marschiert ab. Wir hörten „Knocking Piece von Benjamin Johnston, 40, Kompositionslehrer in Urbana, Illinois.

„Knocking Piece war eines der klingenden Beispiele für „Neue Musik – neue Szene“, das zentrale Thema bei den diesjährigen „Internationalen Ferienkursen für Neue Musik“ in Darmstadt.

Seit zwanzig Jahren finden diese „Ferienkurse“ statt. Seit diesen zwanzig Jahren ist Darmstadt, wo Neues seit eh und je sich ziemlich ungestört entfalten konnte, neben Donaueschingen das Zentrum auch der Neuen Musik in Deutschland.