Das bisher befolgte Rezept, steigenden Kursen nicht nachzulaufen und nur an schwachen. Börsentagen „einzusteigen“, wird längst nicht mehr so konsequent verfolgt wie noch im August. Die Bankenkundschaft, ermutigt durch die anhaltende Stabilität der Wertpapiermärkte und angeregt durch die neuerdings sehr optimistischen Prognosen einiger „Informationsdienste“, beginnt aus ihrer Zurückhaltung herauszutreten, weil sie meint, den Anschluß an den möglicherweise schon bald abfahrenden Hausse-Zug zu verpassen. Der Berufshandel kaufte anfangs mit, auch die Banken wurden etwas aktiver, da ihnen der Anfang September etwas flüssigere Geldmarkt mehr Spielraum in ihren finanziellen Dispositionen bot. Inzwischen sind den „Experten“ jedoch einige Bedenken gekommen. Sie halten zwar die Stabilisierung der Kurse auf einem etwas erhöhten Niveau für vernünftig und richtig, sehen aber noch nicht genügend Voraussetzungen für eine nachhaltige Aufwärtsbewegung, die mit einer Zinssenkung, das heißt mit steigenden Rentenkursen, einherzugehen hätte.

Die Börse blickt in diesen Tagen nach Bonn. Von einer raschen Verabschiedung des Stabilisierungsgesetzes wird für die weitere Entwicklung des Kapitalmarktes viel abhängen. Doch seine Inkraftsetzung allein wäre noch kein Hausse-Moment. Entscheidend wird vielmehr sein, wie die Bundesregierung von ihrem neuen Instrumentarium Gebrauch macht. Ohne Zweifel hätte sie schon jetzt einiges tun können, um die Konjunktur in die richtigen Bahnen zu lenken. Daß man dies ausschließlich der Bundesbank überließ, ist kein Zeichen großer politischer Aktivität. Wenn deshalb jetzt ständig die Frage einer Kabinettsumbildung aufgeworfen wird, die tatkräftigere Männer in die Bonner Regierung bringen soll, dann verfolgen die Kapitalanleger diese Diskussionen mit berechtigtem Interesse. Sie zweifeln nämlich daran, daß die Bundesregierung in ihrer jetzigen Zusammensetzung sonderlich viel mit dem Stabilisierungsgesetz anfangen wird.

Zur besseren Börsenverfassung hat die relativ reibungslose Überwindung des großen Steuertermins beigetragen. Damit ist eine wichtige Klippe überwunden worden. Jetzt sieht die Börse noch drei markttechnische Belastungen vor sich: In diesem Monat die Siemens-Kapitalerhöhung, die Kapitalerhöhung des Volkswagenwerkes gegen Jahresende sowie den letzten großen Steuertermin dieses Jahres am 10. Dezember. Der langsame Anstieg des Siemens-Aktienkurses deutet eine gewisse Zuversicht hinsichtlich der Zeichnungsfreudigkeit der Siemens-Aktionäre an, denen ab 20. September junge Aktien im Verhältnis 7:1 zum Ausgabekurs von 160 Prozent angeboten werden. Aus Kreisen der Banken ist zu hören, daß die aus den USA mit Sicherheit zu erwartenden Bezugsrechte aufgefangen werden können. Kurszusammenbrüche, wie wir sie anläßlich der Kapitalerhöhung von Conti-Gummi erlebt haben, sollen demnach vermieden werden.

Problematischer erscheint dagegen zum heutigen Zeitpunkt noch das VW-Bezugsrecht, weil keine Übersicht darüber besteht, wie sich die VW-Volksaktionäre verhalten werden. Private Umfragen wollen zwar ermittelt haben, daß die Bezugsfreudigkeit der VW-Erstzeichner größer als zunächst befürchtet ist. Aber Genaues wird man erst wissen, wenn die Aufforderungen zur Zeichnung an die vielen Hunderttausende von Aktionären verschickt worden sind.

Dem Dezember-Steuertermin würde nur dann eine markttechnische Bedeutung zukommen, wenn sich die Lage auf dem Geldmarkt in den nächsten Monaten wieder verschärfen sollte. Wir können zwar weiterhin mit Außenhandelsbilanzüberschüssen und dadurch mit mehr Liquidität rechnen, müssen aber andererseits berücksichtigen, daß – wie die Berliner Handels-Gesellschaft in ihrem letzten Wirtschaftsbericht feststellt – früher oder später wieder die Importe von Rüstungsgütern zu Buch schlagen werden, die bisher in diesem Jahr anomal niedrig waren. Immerhin handelt es sich hier um aufgeschobene Bezüge, die bis Mitte 1967 einen Betrag von rund 4 Milliarden Mark ausmachen. Wenn man dann noch bedenkt, daß über unseren Köpfen die Rückzahlung von rund 2,7 Milliarden kurzfristiger, im Ausland aufgenommener Kredite hängt, dann fällt es einem schwer, an ein nahe bevorstehendes Ende der allgemeinen Liquiditätsnot zu glauben. Das ist auch der Grund, warum die Kreditinstitute an der Börse noch mit beträchtlicher Reserve operieren, sobald es um etwas längerfristige Engagements geht.

Die Kapitalanleger tragen der ungeklärten Börsenzukunft insofern Rechnung, als sie sich auf den Erwerb wirklich erstklassiger Papiere beschränken. Es finden nur Aktien solcher Gesellschaften Gnade vor ihren Augen, bei denen sicher ist, daß sie auch für das laufende Jahr an ihren Dividendensätzen von gestern festzuhalten gedenken und die ihre Ausschüttungen neben der vollen Ausnutzung aller steuerlich möglichen Abschreibungen verdienen. Unternehmen, die in ihren Aktionärsbriefen eine klare Stellungnahme zur Dividendenfrage umgehen oder auf eine Zwischenpublizität ganz verzichten, können nicht erwarten, daß sich die Anleger von heute für ihre Papiere interessieren.

Die Verkäufe deutscher Aktien aus amerikanischem Besitz haben in letzter Zeit etwas nachgelassen. Wahrscheinlich hat die deutsche Börse in dieser Hinsicht das Schlimmste überstanden. Nun dürften die internationalen holländischen Werte wie Philips, Unilever und Royal Dutch an der Reihe sein, deren Kurseinbußen jedoch nicht nur auf US-Abgaben, sondern ebenso auf die allgemeinen Börsenbaisse in den Niederlanden zurückzuführen sind. Deutsche Anleger haben die niedrigen Notierungen benutzt, um ihre Bestände an diesen hochwertigen Papieren zu ergänzen.

Spekulative Bewegungen ergaben sich bei der Aktie der Deutschen Erdöl-AG. Sie waren jedoch nur von kurzer Dauer und wurden ausgelöst durch die Nachricht, daß die Kreditanstalt für Wiederaufbau die der Gesellschaft eingeräumten Darlehen zur Finanzierung von Auslandsbohrungen mit dem Hinweis gekündigt hat, die DEA sei unter amerikanischer Kapitalmehrheit als deutsches Unternehmen nicht mehr förderungswürdig. Unter diesen Umständen, so konstruierte man in den Börsensälen, könne die Texaco kein Interesse mehr daran haben, auf eine deutsche Minorität von 10 Prozent, des DEA-Kapitals irgendwelche Rücksichten nehmen zu müssen. Gerüchte über ein zweites Abfindungsangebot tauchten auf, hatten aber nur eine kurze Lebensdauer. Immerhin machte der DEA-Kurs einen kleinen Ruck nach oben, der durch die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens sicherlich nicht gerechtfertigt ist. K. W.