Die chinesische KP-Zeitschrift „Rote Fahne“ hat dieser Tage bestätigt, was bisher nur aus indirekten Hinweisen zu erkennen war: daß in der Pekinger Führung harte Auseinandersetzungen bestehen und daß Mao die „Kulturrevolution“ nur nach schweren Widerständen durchsetzen konnte.

Jetzt gibt das offizielle KP-Organ zu, daß es „in den letzten vier Jahren“ Widerstand gegen die Politik Maos „innerhalb der Partei“ gegeben habe. Schon auf der 10. Tagung des Zentralkomitees im Spätherbst 1962 sei Mao gezwungen gewesen, gegen eine „rechte Abweichung“ zu kämpfen, die „innerhalb der Partei propagiert wurde“, aber 1964 seien die „Rechten“ noch einmal in der Partei aufgetreten. Danach habe Mao in der zweiten Hälfte des Jahres 1965 „selbst die Initiative zur großen proletarischen Kulturrevolution“ ergriffen. Wiederum sei es zu einem „starken Widerstand“ in der Partei gekommen, darunter auch von manchen, die „die Macht besitzen“. Dann habe in einem entscheidenden Augenblick „Mao Tse-tung persönlich die Führung übernommen und es sei der Beschluß über die große proletarische Kulturrevolution gefaßt worden“.

Sicher ist Mao in dem entscheidenden Augenblick besonders von Lin Piao unterstützt worden, während Staatspräsident Liu Schao-tschi – bis dahin zweiter Mann – und andere Politbüromitglieder teils Bedenken angemeldet haben, teils wohl sogar gegen die von Mao vorgeschlagene Linie aufgetreten sind. Dies würde die deutliche Zurücksetzung Liu Schao-tschis sowie den schnellen Machtaufstieg Lin Piaos erklären – jenes Mannes, der auf der jüngsten Großkundgebung in Peking direkt neben Mao stand, der die entscheidende Rede hielt und der in den letzten Wochen als einziger neben Mao das Privileg genoß, namentlich genannt, ja zitiert zu werden,

Die Kulturrevolution hat inzwischen neue Akzente gewonnen. Übereifrige Gruppen von „Rotgardisten“ wurden von der Parteiführung zurechtgewiesen – teils, weil manche der allzu wilden Aktionen auf ernste Widerstände in der Bevölkerung stießen, teils weil die Führung befürchtete, die Rotgardisten könnten vielleicht ihrer Kontrolle entgleiten. Die Warnungen und Ermahnungen bedeuten jedoch nicht, daß die Rote Garde ihre Tätigkeit eingestellt oder gar die Kulturrevolution abgebrochen oder abgeschwächt werden soll. Im Gegenteil: In jüngster Zeit hat sich die Führung offen mit den Rotgardisten identifiziert. Die „Pekinger Volkszeitung“ erklärte die Aktionen der Rotgardisten sogar für „eine gute Sache“ und bezeichnete die Roten Garden als „gesetzliche Organisationen unter der Diktatur des Proletariats“. Unmißverständlich fügte das Parteiorgan hinzu: „Wer sich gegen die revolutionären Aktionen stellt, widersetzt sich damit dem Vorsitzenden Mao und dem Beschluß des Zentralkomitees.“

Die Losung der Rotgardisten heißt jetzt: „Wir sind die Kritiker der alten Welt, wir sind die Erbauer der neuen Welt.“ In den Erfolgsberichten wird vor allem, der Kampf gegen einen unkommunistischen Haarstil, gegen eng anliegende Blusen und Blue jeans, gegen anstößige Photographien und Zeitschriften gelobt. Als neues Angriffsziel werden auch Manikür- und Schönheitssalons herausgestellt – mit der Begründung, es handle sich hierbei um bourgeoise Einrichtungen.

Wichtiger als der Kampf gegen Schönheitssalons und wichtiger als die Umbenennung von Straßen und Krankenhäusern erscheint jedoch die neue Sprachregelung, wonach die Lehre Mao Tsetungs als eine „neue Stufe der Entwicklung des Marxismus-Leninismus“, ja als der „höchste Stand des Marxismus-Leninismus in der gegenwärtigen Zeit“ hingestellt wird. Damit wird deutlicher als je zuvor die ideologische Priorität des chinesischen Kommunismus in der gesamten kommunistischen Welt proklamiert. Die Lehre Mao Tse-tungs sei vor allem deshalb die höchste Stufe des Marxismus-Leninismus, weil sie die Verwandlung der Menschen in der Tiefe ihrer Seele ermögliche.

Aber die Realisten lassen sich nun einmal weder durch eine partei-chinesische Sprachregelung noch durch einen Führerkult aus der Welt schaffen. Das gilt sowohl für die Meinungsverschiedenheiten in der Führung, als auch für die zunehmende Isolierung Chinas von ihren früheren kommunistischen Verbündeten. Es bedarf heute keiner Moskauer Direktive mehr, um die kommunistischen Parteien anderer Länder zu veranlassen, sich von der „Kulturrevolution“ und den „Rotgardisten“ Pekings zu distanzieren. Neben den Parteiführungen der Sowjetzone, Polens, Bulgariens, der Tschechoslowakei, Ungarns und Rumäniens haben sich in den letzten zwei Wochen auch die kommunistischen Parteien von Kuba, Australien, Argentinien, Finnland, Kanada, Frankreich und sogar von Uruguay gegen die Politik der Pekinger Führer gewandt.