Die Absicht der Bundesregierung, das gegen die Sowjetunion verhängte Röhrenembargo aufzuheben, kann nur begrüßt werden. Als dieses Embargo im Jahre 1963 verkündet wurde, war erkennbar, daß es „Rußland einen Nadelstich und uns selber einen kräftigen Messerstich“ (siehe ZEIT vom 18. Januar 1963) versetzt. Moskau konnte seine Pläne zum Ausbau seines Pipeline-Netzes auch ohne nennenswerte Verzögerung vollenden.

Die Röhrenkapazität der Sowjetunion beträgt etwa 6,5 Millionen t, während durch das Embargo die Röhrenlieferung von 200 000 t verhindert wurde. Durch dieses Embargo ist die Vollendung des russischen Röhrennetzes, wenn überhaupt, so nur wenig verzögert worden. Das russische Pipeline-Netz hat nicht nur – wie damals geplant – Frankfurt an der Oder und die Ostseehäfen erreicht, sondern auch die Donau an der tschechisch-österreichischen Grenze; es wird innerhalb der UdSSR und der Ostblockländer ständig weiter ausgebaut.

Von der Größe der Wunde, die wir uns selbst zugefügt haben, bekommen wir einen Begriff, wenn wir die heutige brachliegende Kapazität unserer Stahlindustrie betrachten und uns die Kurse der Stahlaktien im Börsenzettel ansehen. Wenn – wie es in dem Börsenbericht einer Wirtschaftszeitung kürzlich hieß – die Aktien der besten Stahlwerke „zum Schrottpreis gekauft werden können“ und wenn man den heutigen Börsenkurs der Mannesmann-Aktie von 119 mit dem Kurs von 217 vergleicht, den diese Aktie im Juni 1963 hatte, so hat dieser Rückgang natürlich viele Ursachen; manche von ihnen war vermeidbar, manche kaum vermeidbar, aber die allervermeidbarste war diese Röhrenembargo. Der schlimmste Schaden aber, der der deutschen Wirtschaft durch dieses Röhrenembargo drohte, war eine Erschütterung der Vertrauenswürdigkeit deutscher Firmen bezüglich ihrer Lieferungen gewesen.

Der Vize-Präsident des Deutschen Bundestages, Dehler, hatte damals dieses Embargo als den „niederträchtigsten Bruch einer rechtsgültigen Handelsabmachung“ bezeichnet. Nun, diese schlimmste Konsequenz ist nicht eingetreten. Die Gefahr, daß die Russen wegen des Embargos an deutsche Firmen Aufträge nicht mehr geben würden, die sie an und für sich zu geben bereit waren, war besonders akut im Falle der großen Schiffbauaufträge in Kiel, über die damals verhandelt wurde. Wenn die Schiffbauaufträge aber dann doch gegeben worden sind, so ist dies sowohl dem großen Verhandlungsgeschick des Direktors der Howaldtswerke, Westphal, zu verdanken wie dem großen Ansehen, das die Qualitätsarbeit der deutschen Schiffbauingenieure und Werftarbeiter sich in Rußland erworben hat.

Welche Chance hat nun die deutsche Stahlindustrie, wenn das Embargo aufgehoben wird? Die Sowjetunion hat sich inzwischen eine sehr leistungsfähige eigene Röhrenindustrie aufgebaut; sie bekommt auch laufend großkalibrige Rohre in nicht unbeträchtlichen Mengen von Schweden und Japan. Japan hat die Absicht, seine jährliche Rohrausfuhr in die Sowjetunion von bisher 20 000 t auf 100 000 t zu erhöhen. Auch Italien wäre sehr interessiert, seine gegenwärtigen Lieferungen von kleindimensionierten Rohren durch Lieferungen von großkalibrigen Rohren gegen russisches Erdöl zu erhöhen. Aber die Pläne der Russen im Bau von Pipelines sind zum Glück so groß dimensioniert, daß doch für die deutsche Röhrenindustrie aus der Aufhebung des Embargos eine erfreuliche Verbesserung der Beschäftigungslage herauskommen könnte. Die Russen haben in den Jahren von 1958 bis 1965 ihr Rohrnetz von 12 000 km auf 42 000 km vergrößert. Es würde heute also einmal um den Erdball reichen, wenn man die Rohre aneinandersetzte. Zum Vergleich: das amerikanische Pipeline-Netz würde sechzehnmal um den Erdball reichen.

Bis zum Jahre 1970 will die UdSSR ihr Pipeline-Netz für Erdöl und Erdgas auf 72 000 bis 80 000 km erweitern, also fast verdoppeln. Dies würde einen Bedarf an Stahlrohren in der Größenordnung von 9 bis 11 Millionen t bedeuten. Wenn sich die deutschen Stahlwerke von diesem Bedarf ein gutes Stück in Form von Aufträgen sichern könnten, so würde die brachliegende Kapazität der deutschen Röhrenindustrie wesentlich besser ausgelastet werden. In einer Zeit, in der wir es uns überlegen, die in Schwierigkeit geratene deutsche Stahlindustrie mit Mitteln der Steuerzahler zu subventionieren, könnte also die Aufhebung des Embargos geradezu zu einer Lösung nach der Formel „trade statt aid“ führen. Fritz Baade