Von Karl Heinz Wocker

London, im September

Der wirklich große Verleger fängt dort an, wo der Herausgeber aufhört. Wer ständig fürchten muß, für irgendein Adjektiv eines impulsiven Leitartiklers Ärger mit dem Establishment, mit der Zunft oder gar mit den Gerichten zu bekommen, der wird eines Tages die Wahl jener Worte durch Ukas reglementieren oder gar anfangen, die Leitartikel selbst zu schreiben. Max Beaverbrook war immer Herausgeber. Roy Thomson ist Verleger. Er hat von seinen Zeitungen nie etwas anderes verlangt, als daß sie gut sind. Und deshalb sind sie gut.

Ohne die strikte Trennung von Verlag und Redaktion wäre das Empire des Lord Thomson of Fleet ziemlich beängstigend. Der 72jährige kontrolliert Englands führende Sonntagszeitung, die Sunday Times, Schottlands größte Tageszeitung, den Scotsman, zahlreiche größere und kleinere Provinzzeitungen, ein Heer von Zeitschriften, die größte Kundenzeitung, ferner fünf Verlage mit gut klingenden Namen wie Nelson oder Hamish Hamilton, mehrere Druckereien, die Aktienmehrheit des kommerziellen schottischen Fernsehens, dazu Ausstellungsgesellschaften, Sprachschulen, Reisebüros und selbst eine Charter-Fluggesellschaft.

Das Postministerium hat ihm auf zehn Jahre das Anzeigenmonopol in allen Telephonbüchern des Landes überlassen. Und dies alles stellt nur den britischen Zweig dar, hinzu kommen kanadische und amerikanische Zeitungen, Fernsehanteile in 15 und Rundfunkstationen in 12 Ländern. Und ob das dann wirklich alles ist, weiß niemand ganz genau.

Freilich wird man den Chef einer bunten Vielfalt von Unternehmungen nicht einfach als Verleger bezeichnen können. Der Anteil seiner Blätter an den Einnahmen dieses Imperiums fällt in dem Maße, in dem Thomson mit nie ermüdendem Eifer sich in alles hineinkauft, was Profit verspricht. Er hat nie auf einem Bein stehen mögen. Als gebürtiger Kanadier und Sohn eines Schotten hat er den seltsamen Eroberungsdrang gegenüber England, den viele seinesgleichen verspüren.

Daß er erst im Alter von 59 Jahren mit dem Angriff auf die Fleet Street begann, und das auch auf dem weiten Umweg über Edinburgh und den Scotsman, klingt vielen Engländern wie eines jener Märchen, das sie in der prosaischen Welt ihrer schleichenden Wirtschaftssorgen nie für möglich gehalten hätten. Daß ein emporgekommener kanadischer Radiohändler binnen dreizehn Jahren in der Londoner Gray’s Inn Road ein Imperium mit 80 Millionen Mark Jahresprofit und huldvoll verliehenem Adelstitel zusammenbringen konnte, das empfinden sie als persönlichen Vorwurf gegen die eigene Tüchtigkeit.