Es ist unwahrscheinlich, daß der Dolch des Mörders den Lauf der südafrikanischen Geschichte entscheidend beeinflußt hat. Dennoch traf er das Land an seiner verwundbarsten Stelle. Für einen Staat, der so sicherheitsbesessen ist und so voller Angst vor seinen Gegnern, ist es ein traumatisches Erlebnis, daß der starke Mann der Republik am Sitz seiner Macht und angesichts seiner Kollegen auf diese Weise niedergemacht werden konnte.

Im Jahre 1960, als Hendrik Verwoerd einem ersten Anschlag auf sein Leben knapp entging, nannte die reformierte Kirche dies einen Akt Gottes. Das vermeintliche Gottesurteil wurde benutzt, um die Buren auf dem dornigen Pfad voranzustacheln, auf dem sie ihren „göttlichen Auftrag“ erfüllen wollen. Jetzt hat Verwoerds Ermordung neben Gefühlen der Trauer auch solche der Schuld ausgelöst. Denn wenn er auch im Lande die alles überragende Gestalt war – innerhalb seines Kabinetts und bei der Parlamentsfraktion seiner Nationalpartei hatte er es recht schwer.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Verwoerd auf der Höhe seiner Macht und seines Einflusses gestorben. Im März erst hat er einen überlegenen Wahlsieg errungen. Im Juli konnte er einen weiteren Erfolg verzeichnen, als der Internationale Gerichtshof zu seinen Gunsten über Südwestafrika entschied. Trotz allem Anschein von Stärke wurde in letzter Zeit aber viel darüber geredet, daß man ihn auf den Posten des Staatspräsidenten abschieben oder gar ganz zum Verlassen der politischen Szene bewegen solle.

Verwoerd war im Kreise der Regierung nie wirklich populär. Er war starrsinnig, distanziert, höflich und korrekt; es widerstrebte ihm, um seine politischen Freunde zu werben. Seine Reden waren lang, verwickelt und schulmeisterlich. „Ich verspüre nie den bohrenden Zweifel, daß ich vielleicht unrecht haben könnte“, sagte er einmal.

Die Tragödie des Mannes Verwoerd wurzelte jedoch in weit tieferen Schichten als denen des politischen Alltags. Hendrik Verwoerd starb von der Hand des Mörders, als sein Scheitern offenbar war. Es war ihm nicht gelungen, seine Partei und seine Anhänger dazu zu bringen, jene Ideen uneingeschränkt zu akzeptieren, wonach in Südafrika eine auf die „Koexistenz der Rassen“ gegründete Gesellschaft entstehen sollte.

Obwohl Verwoerd, der Urheber und Architekt jener Apartheid-Politik war, die unter dem Schlagwort „separate Entwicklung“ firmierte, hat er nie vermocht, diesem Konzept Wirklichkeit einzuhauchen. Ihm ging es ja nicht einfach darum, die Nicht-Weißen „in ihren Schranken“ zu halten, worauf es den meisten Weißen Südafrikas einzig und allein ankam. Er räumte immerhin ein, daß die weiße Minderheit inmitten der schwarzen Mehrheit nicht für alle Ewigkeit Herr der 15 Millionen Bewohner Südafrikas bleiben konnte. Es war ihm klar, daß die Wünsche der Nicht-Weißen auf die Dauer nicht mißachtet und unterdrückt werden dürften. Aber wenn die Schwarzen nicht für immer von den Weißen herumkommandiert werden konnten, dann sollte es nach Verwoerds Ansicht doch auch niemals dahin kommen, daß die Schwarzen über die Weißen herrschten.

Ganz zu Anfang versuchte Verwoerd dem Dilemma dadurch zu entkommen, daß er sich für eine totale, säuberliche Trennung der schwarzen Gebiete von den weißen Gebieten aussprach – aber das war noch, ehe er Ministerpräsident wurde. Sehr bald rückte er von diesem Vorhaben ab, da es sich in der Praxis als undurchführbar erwies; deswegen gab es manchen Streit mit seinen engsten Mitarbeitern. Danach erfand er seine Politik der „separaten Entwicklung“. Sie sah vor, daß die Schwarzen sich unter einem System begrenzter Selbstverwaltung in ihren eigenen Heimatgebieten – den acht Bantustans – entwickeln und gleichzeitig auf jegliche politische Rechte in den weißen Teilen der Republik verzichten sollten.