Von Helmut M. Braem

Nichts gegen Literaturpreise. Aber wer mit ihnen Reklame macht, sollte sich überlegen, wie er den Auszeichnungen gerecht werden könnte – zum Beispiel dem amerikanischen Pulitzer-Preis. Kein Verlegersmann zwischen Wien und Berlin, Hamburg und Zürich versagt es sich, lebhaft auf den transatlantischen Lorbeer zu verweisen, wenn er die deutschsprachige Ausgabe des gerühmten Buches anzubieten hat.

Das gehört zum Geschäft. Es gehört auch zur Information des Lesers. Nur wird verschwiegen, daß dieser Preis keineswegs eine außerordentliche literarische Leistung prämiiert. Als 1917 nach dem Willen des 1911 verstorbenen Zeitungsnabobs Pulitzer der Preis gestiftet wurde, hieß es unmißverständlich, es dürfe nur ein Werk gefeiert werden, mit dem sich das Nationalbewußtsein des amerikanischen Staatsbürgers festigen lasse. Ob 1917 oder 1966: Der Pulitzer-Preis garantiert nicht für künstlerische Qualitäten, er garantiert für eine pädagogische Wirkung.

Auch Shirley Ann Grau gehört zu den Pulitzer-Preisträgern. Seitdem kursiert nicht nur in den USA das Gerücht, ihr Roman „The Keepers of the House“ sei ein gutes Buch. Die Bestsellerlisten in New York und Hamburg bestätigen es auf ihre Art. Auf ihnen standen niemals die Titel „The Black Prince and Other Stories“, 1954 („Der schwarze Prinz“, 1958), und „The Hard Blue Sky“, 1960 („Harter blauer Himmel“, 1961). Sowohl der Band mit Erzählungen als auch der Roman hätten Aufmerksamkeit verdient. Der Einbruch des Fremden in die Alltagswelt, wie ihn „Der schwarze Prinz“ demonstriert, und die diktatorische Macht einer Landschaft des „harten blauen Himmels“ über einer Insel im Golf von Mexiko gaben die Impulse zu einer Prosa, die sich manchesmal mit Arbeiten Flannery O’Connors und Carson McCullers’ vergleichen ließ. Zwei Bücher, die keine literarischen Eintagsfliegen sind und dennoch kaum wahrgenommen wurden.

Als sich dann tatsächlich eine Eintagsfliege auf dem Markt niederließ, gab es sogleich ein großes Gedränge –

Shirley Ann Grau: „Die Hüter des Hauses“ (Originaltitel: „The Keepers of the House“), aus dem Amerikanischen von Gerda von Uslar; Rowohlt Verlag, Reinbek; 318 Seiten, 18,50 DM.

Der unbefangene Leser wird das Buch als gehobenen Familienroman aus den amerikanischen Südstaaten betrachten. Leider bin ich nicht unbefangen; leider hat mir die charmante, ungemein aparte Shirley Ann Grau erzählt, was sie für den Kern ihres Buches halte. Damals beim schwarzen Kreolenkaffee in Metaire, einem Vorort von New Orleans, sagte sie, sie berichte von psychischen Eigenarten, von spezifischen Verhaltensweisen, die wahrscheinlich allgemeingültig seien; sie berichte von Menschen, die an jedem Ort der Welt leben könnten. Und wenn sie die Ereignisse in einem Bezirk der amerikanischen Südstaaten geschehen lasse, dann nur, weil ihr die Geschichte, die Landschaft, die Menschen dieser Staaten von Kind an vertraut seien. Das Nebeneinander und schließlich Gegeneinander von Weißen und Negern, von Rassenfanatikern und Verfechtern der Gerechtigkeit werde zwar zur Aktion in einem fiktiven Distrikt Alabamas, aber dieser Distrikt sei lediglich als Szenerie für die Aktionen notwendig, auch zur Deutung der historischen Entwicklungen und der dramatischen Verwicklungen.